Nachrichtendetails

14.12.10 00:00 Alter: 5 Jahr(e)

Eltern sind in der Verantwortung

Montagsakademie zum Umgang mit Internetpornographie


Prof. Dr. Thomas Schirrmacher mit Rektor Prof. Dr. Berthold Wald (li.) und Msgr. Prof. Dr. Konrad Schmidt.

Beim letzten Vortragsabend der Montagsakademie-Reihe der Theologischen Fakultät Paderborn vor dem Beginn der Weihnachtsfeiertage sprach am Montag dieser Woche der Rektor des Martin Bucer Seminars (Bonn, Zürich, Innsbruck, Prag, Istanbul), Prof. Dr. mult. Thomas Schirrmacher. Der Professor für Religionssoziologie zeigte auf Grundlage seines Buches Internetpornografie: ... und was jeder darüber wissen sollte die Verbreitungsformen und psychologische Folgen der Internepornographie auf. Insbesondere durch seine deskriptive Methode war es Schirrmacher so möglich, die Brisanz und ethische Relevanz des Themas deutlich zu machen.


„Eltern sollten schlau genug sein, die ersten zu sein!“ Wenn, wie Professor Schirrmacher am Ende seiner Ausführungen im Hinblick auf die Rolle der Politik unterstrich, es schwierig ist, auf politischem Weg zu agieren, dann müssten insbesondere die Eltern (neu) Ihre Verantwortung wahrnehmen. Diese beziehe sich einerseits auf die sexuelle Aufklärung der Kinder und andererseits auf eine behutsame Einführung in das Medium Internet.


Ein Tabu der heutigen Zeit sei zudem nicht mehr Sexualität oder Pornographie selbst, sondern die kritische Auseinandersetzung damit. „Liest man die Sammelbände einschlägiger Fachtagungen … oder Fachbücher …, ist man erstaunt, dass diese Ergebnisse (der Forschungen zu negativen Folgen der Internetpornographie) einfach ignoriert werden,“ so Schirrmacher. Welche Reichweite und welche Konsequenzen die Internetpornographie aber trotz oder auch gerade wegen dieser Tabuisierung hat, machte Schirrmacher, der auch Mitglied im Beirat des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft ist, in zehn Thesen deutlich und berichtete auch aus seinen eigenen Erfahrungen der Beratung.


Pornografie ist das irreführende Hauptwerkzeug der Aufklä­rung von Kindern und Jugendlichen geworden.


Bereits im Grundschulalter kämen Kinder selbst mit harten Formen der Pornographie in Kontakt. Das habe eine falsche Meinung über Sexualität zur Folge, die sich in den Köpfen festsetze und zur Normalität werde. Demnach werde durch Internetpornographie unter anderem vermittelt, dass Sex immer und überall und ohne Konsequenzen möglich, Treue langweilig oder Sex ein Zuschauersport sei.  Drei Viertel aller Jugendlichen, so Professor Schirrmacher, verwiesen aber im Hinblick auf das Medium ihrer sexuellen Aufklärung auf das Internet.


Pornografie hat für etliche Personengruppen und Betroffene negativ zu beurteilende psychologische Konsequenzen und kann reale Sexualität verschlechtern und behindern.


In diesem Zusammenhang berichtet Schirrmacher von der Bedeutung der Internetpornographie für das Scheitern von Beziehungen. „Die Menschen, zumeist Männer, nehmen die Realität des Internets mit in ihre eigenen Beziehungen und werden zunehmen enttäuscht.“ Bei dieser „Normalisierung des Ungewöhnlichen“ gehe mehr und mehr unter, was normal sei; auch „normale“ Partnerschaftlichkeit.


Internetpornografie hat für Einzelne wie im Generationenverlauf einen Rutschbahneffekt. Was gestern noch aufreizte, ist heute passé und muss durch eine ständig wachsende Zahl von Alternativen oder etwas ‚Schärferes‘, ‚Verboteneres’, Gewalttätigeres ersetzt werden. Hierin liegt das Hauptgeschäft der Pornoindustrie.


Wo Optionen geschaffen werden, da ist Verdienst möglich. Die Strategie der Pornoindustrie sei es demnach, den Menschen Anreize zu geben, nach immer ausgefalleneren Praktiken, Bildern oder Videos zu suchen. Der Einstieg – oftmals auch in die Sucht – erfolge dabei über niederschwelliege und kostenfreie Angebote. „Ein Zehnjähriger muss sich schon reichlich dumm anstellen, um nicht tausende von Fotos sehen zu können.“


Internetpornografie kann zur klinisch erfassbaren Sucht führen und Millionen weltweit sind bereits so pornografiesüchtig, dass sie eine Therapie benötigen.


Demnach seien effektiv in Deutschland etwa eine halbe Millionen Menschen in einer entsprechenden Behandlung. Zur Verdeutlichung der Problematik legte Schirrmacher weitere Zahlen vor: aktuell existieren etwa 420 Millionen Webseiten mit pornographischem Inhalt, 3 Billionen Bilder im Netz zeigen Pornographie, 35 % der täglichen Downloads stehen in Verbindung mit Pornographie und Sex, 17 % der Internetnutzer verbringen täglich etwa eine Stunde im Netz auf entsprechenden Seite, 8 % der Internetnutzer kostet die Pornographie gut zwei Stunden ihres Tages.


Harte Pornografie bzw. Internetpornografie macht viele Konsumenten aggressiv – vor allem gegenüber Frauen.


Macht Porno also generell aggressiv? Gesichert sei zumindest, sei Schirrmacher, dass aggressive Pornographie aggressiv mache und vorhandene Aggressivität verstärkt werde. Mittlerweile enthalten 80 % der pornographischen Darstellungen Elemente der Aggression. Dies habe zur Folge, dass


harte Pornografie ohne und mit Gewalt die selbst zugegebene Vergewaltigungsbereitschaft von Männern steigert, wie viele Untersuchungen gezeigt haben. Insbesondere bringt sie den ‚Verge­waltigungsmythos‘ (Engl. ‚rape myth‘) hervor oder verstärkt ihn.


Der so genannte rape myth besagt, dass alle Frauen eigentlich vergewaltig werden wollen und sie dies beglückt. Auch dies sei ein Element des Realitätsverlusts, der weiter oben schon von Schirrmacher beschrieben worden war.


Internetpornografie bringt immer brutalere Darstellungen und Szenen hervor, darunter unglaubliche Gewaltorgien, deren reine Beschreibung andere Menschen bereits verstört.


Zudem wachse der Markt der so genannten Softpornographie, da darüber zumeist der Einstieg geschehe. Internetpornografie kann also zu Nachahmungsverbrechen führen, vom sexuellen Zwang in der Ehe bis hin zur Gruppenvergewaltigung, ist, wie Prof. Schirrmacher betonte, jedoch nicht die einzige Ursache für Gewaltverbrechen.


Ferner sei zu beachten: Die Zunahme der Kinderpornografie hängt nicht nur, aber auch mit der Pornografisierung der Gesellschaft zusammen.


Man könne also die Kinderpornografie nicht einfach künstlich von Internetpornografie trennen, als hätten beide nichts miteinander zu tun. Hier werde, so Schirrmacher, „oft und bewusst weggeschaut“.


Internetpornografieabhängige brauchen aufgrund der Besonderheit des Internets auch besondere Wege der Hilfe, Beratung und Begleitung. Dies sollte auch Thema der kirchlichen Seelsorge werden.


Hilfreich könnte hier die „Triple-A“ Methode sein: accesibility, affordability und anonymity. Weil auch Internetpornographie leicht zugänglich, billig und anonym sei, müsse dies auch für ein erstes Hilfeangebot gelten. „Internetpornographie-Sucht muss kein Schicksal bis zum Lebensende sein. Mit Begleitung und Hilfe ist ein Ausstieg möglich.“


Mit diesem positiven Ausblick wurde in die sich anschließende lebhafte Diskussion übergeleitet in der noch einmal deutlich gemacht wurde, dass es insbesondere darauf ankommt, den Betroffenen die Konsequenzen ihres Handelns bzw. der Internetpornographie aufzuzeigen.


 


__


Mit diesem interessanten Beitrag geht die Montagsakademie im Wintersemester 2010/2011 in ihre Weihnachtspause. Auf der Internetseite der Theologischen Fakultät Paderborn finden sich in der Rubrik „Medienbibliothek“ die Vorträge der laufenden Reihe zum Nachhören.


Die Vorträge der vergangenen Reihe zum Thema „Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube“ liegen ab sofort in gedruckter Form vor (Konrad Schmidt (Hg.): Was ist der Mensch. Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube. Paderborn: H&S Verlag 2010).


Die Montagsakademie-Reihe setzt sich am 10. Januar 2011 mit einem Vortrag von Professor Dr. Heribert Haslinger, Paderborn „Eros und Macht. Zur Ambivalenz des Umgangs mit Sexualität in der Kirche“ fort. Beginn ist um 17.00 Uhr.




Theologische Fakultät Paderborn
Kamp 6
33098 Paderborn
Tel.: 05251/121-6
Kontaktformular

Veranstaltungen

Ringvorlesung Wirtschaftsethik - "Der Papst schlägt Alarm: Impulse der jüngsten Enzyklika 'Laudato si' für die (wirtschafts-)ethische Debatte"
Termine im Sommersemester 2016 an der Universität Paderborn und an der Theologischen Fakultät Paderborn


Ringvorlesung "Das Judentum in der Gegenwart: Blicke von innen und außen"
Termine im Sommersemester 2016 an der Universität Paderborn

Semestertermine im Überblick

Prüfungen Sommersemester 2016
Termine und Fristen für die Anmeldung zu Prüfungen.

Hochschulmesse
Jeden Sonntag um 19:00 Uhr bietet die Theologische Fakultät gemeinsam mit der KHG Paderborn eine Eucharistiefeier in der Universitäts- und Marktkirche St. Franz Xaver besonders für Studierende und Lehrende der Fakultät an.


Byzantinischer Ritus
Die Feier der Liturgie im byzantinischen Ritus findet immer mittwochs, ab 16:30 Uhr, in der Marktkirche statt. Aktuelle Termine.