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7.04.17 11:00 Alter: 20 Tag(e)

„Diese Sammlung ist einzigartig“

Erzbischöfliche Akademische Bibliothek erhält Europas größte Steinmetzzeichen-Sammlung


Zusammen bei der Übergabe der größten Steinmetzzeichen-Sammlung Europas in der EAB: (v.l.) Professor Dr. Hans-Walter Stork, Paul Hofmann und Dr. Norbert Börste. | Foto: ThF-PB

Lange Zeit waren Steinmetzzeichen für die Wissenschaft nur wenig interessant, wurden sie doch als einfache Signaturen verstanden, mit denen Handwerker ihr bearbeitetes Werkstück kennzeichneten. Dann begannen Forscher damit, diese Art in Stein gehauenen Fingerabrücke zu sammeln, zu vergleichen und ihre Geschichten, die sie über die Jahrhunderte erzählen, tiefer zu entdecken. Die wohl größte Sammlung solcher Steinmetzzeichen in Europa wurde jetzt der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek (EAB) in Paderborn übergeben.


„Ich freue mich, dass unser Haus um eine weitere Besonderheit reicher wird“, sagt Bibliotheksdirektor Professor Dr. Hans-Walter Stork bei der Übergabe von unzähligen Handzetteln, Alben und Dokumentationen von Steinmetzzeichen. „Paul Hofmann aus Berlin, der privat über 25 Jahre lang diesen reichen Schatz zusammengetragen hat, bin ich sehr dankbar, dass er nach umsichtiger Vermittlung von Dr. Norbert Börste der EAB seine Sammlung anvertraut.“


Die ganzen Daten sollten nun zunächst ordnungsgemäß inventarisiert und digitalisiert werden, damit sie in einem zweiten Schritt allen Interessierten öffentlich zugänglich gemacht werden können, erklärt Professor Stork. Ziel des Bibliotheksdirektors der EBA ist es, die Steinmetzzeichen-Sammlung auszubauen und weiterzuentwickeln, damit in Paderborn ein neues Recherche-Zentrum für Wissenschaftler, Denkmalschützer, Restauratoren und Heimatforscher entstehen kann, „eine europäische Forschungsstelle für Steinmetzzeichen mit einer angeschlossenen Datenbank“.


„Der Stand dieser Sammlung ist schon jetzt einzigartig in Europa“, meint Dr. Norbert Börste, Lehrbeauftragter für Geschichte der christlichen Kunst an der Theologischen Fakultät Paderborn. Eindrucksvoll dokumentiere sie u.a. die überregionale Bedeutung von Steinmetzzeichen in der Geschichte. Würde diese Sammlung aber noch weiter wachsen und auch für jedermann digitalisiert als systematisierte Datenbank erreichbar sein, „ergibt sich für die wissenschaftliche Bauforschung eine völlig neue Arbeitsgrundlage“. So könnten Wanderungen von Bauleuten, ihre Tätigkeiten und persönlichen Beziehungen, die stilistischen Entwicklungen am Bauwerk oder anderes mehr wissenschaftlich neu bewertet werden, schätzt Dr. Börste, der selbst während der großen Domrestaurierung zwischen 1978 und 1983 in Paderborn über 1.200 Steinmetzzeichen aus dem 13./14. Jahrhundert von 120 Steinmetzen am Paderborner Dom inventarisiert hat.


Paul Hofmann, beruflich heute Leiter der Abteilung Restaurierung und Kunsttechnologie der Skulpturensammlung und des Museums für Byzantinische Kunst in Berlin, hatte seit 1990 die überregionalen Quellen zusammengetragen und die Steinmetzzeichen mit ihren Befunddaten systematisiert. Daraus entstand unter weiterer Mithilfe über die Zeit die größte Sammlung mittelalterlicher und spätmittelalterlicher Steinmetzzeichen von Italien bis Schweden und von Russland bis Frankreich. An etwa 4.000 geografischen Orten wurden insgesamt rund 13.000 verschiedene Steinmetzzeichen mit ca. 50.000 Einzelfundstellen von Steinmetzzeichen registriert und aufgenommen. Darüber hinaus wurden über 2.000 Namen von Urhebern von Steinmetzzeichen registriert als auch ihre Schaffensorte und ihre persönlichen und wirtschaftlichen Beziehungen festgehalten, wozu Verwandtschaftsgrade, Lehrmeister oder handwerkliche Spezialisierungen zählen.


Sich von seiner jahrelang sorgfältig bearbeiteten Sammlung von Steinmetzzeichen zu trennen, falle ihm schwer, gibt Paul Hofmann zu, der in Begleitung seiner Frau aus Berlin zur Übergabe angereist ist. Er wisse sie aber in Paderborn in gute Hände. „Ich bin froh, dass die ganze Arbeit nicht verloren geht, sondern hier in der EAB professionell weitergeführt wird“, sagt der einstige Hobbysammler, der nach so vielen Jahren heute ein echter Steinmetzzeichen-Experte ist.


Bis vor wenigen Jahren noch hätte das Steinmetzzeichen für die Bewertung der Objekt- und Baugeschichte als nicht seriös genug gegolten, erklärt Hofmann. Zwar hätten sich Wissenschaftler schon geraume Zeit auch mit Steinmetzzeichen beschäftigt, aber nur in Einzelfällen an einem Bauwerk in einer kleineren Region und auch nicht im Hinblick auf die Auslegungsmöglichkeiten, die sich aus der Betrachtung von mehreren Befunden gleichzeitig ergeben. Als besondere Herausforderung trete zudem immer hinzu, dass manche historische Quelle teilweise nicht mehr belegbar sei, weil Kriegsschäden oder fortschreitende Verwitterung der Steinoberflächen die Lesbarkeit und Zuordnung unmöglich machen würden.


Bis heute sei klar geworden, dass „das Steinmetzzeichen für die Bauforschung ein unverzichtbarer Baustein“ geworden ist. Neben der Ablesbarkeit von Bauphasen, Spezialisierungen im Bauablauf, stilistische Entwicklungen von Bauarchitektur und Ornamenten könnten Abrechnungsarten in der mittelalterlichen Bauhütte sowie Wanderungen von Bauleuten anhand dieser Zeichen und der vergleichenden Betrachtung abgelesen und rekonstruiert werden. Alle diese Informationen zeigten eine weitverzweigte Vernetzung der Bauwirtschaft vom Mittelalter bis zur Renaissance, erklärt Hofmann.


Die Erzbischöfliche Akademische Bibliothek ist der Theologischen Fakultät Paderborn angegliedert und verfügt in den Bereichen Philosophie und Theologie sowie Westfalica über mehr als 320.000 Bände, 500 laufende Zeitschriften, etwa 750 Inkunabeln (mittelalterliche Wiegendrucke), rund 1.100 Handschriften, 3.500 Urkunden und 450 Karten sowie 7.000 Bände Heiligsprechungsprozesse. Vom 26. April bis 4. August 2017 präsentiert sie mit der Ausstellung „Rom im Buch“ einen Teil ihrer wertvollen Bestände, illustrierte Drucke zur Ewigen Stadt und deren Geschichte.




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