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Antijudaismus in der Theologie überwinden

Professorin Maria Neubrand sieht Handlungsbedarf in der Exegese

Professorin Dr. Maria Neubrand MC tritt für die Aufdeckung antijüdischer Denkweisen in der Theologie und für die Vermittlung einer nicht-antijüdischen Auslegung biblischer Texte ein. | Foto: ThF-PB

Die katholische Theologieprofessorin und Paderborner Exegetin für Neues Testament Dr. Maria Neubrand MC ruft zu Beginn der diesjährigen „Woche der Brüderlichkeit“ dazu auf, mehr für die Überwindung eines „christlich“ motivierten Antijudaismus zu tun. Dabei habe sie besonders Exegetinnen und Exegeten im Blick, deren „dringliche Aufgabe“ es sei, „die nicht selten beobachtbare antijüdische Rezeption neutestamentlicher Texte endlich hinter sich zu lassen“.

„Angesichts der Tatsache, dass in unserem Land neben anderen europäischen Ländern der Antisemitismus in erschreckender Weise wieder auflebt und bestimmte Parteimitglieder antijüdische Parolen öffentlich kund tun, müssen sich gerade auch Theologinnen und Theologen fragen, ob sie genug tun, um religiös motivierten Antijudaismus zu überwinden“, erklärt Professorin Neubrand, die auf vielfältige Weise, u.a. auch als Mitglied im ZdK-Gesprächskreis „Juden und Christen“, für ein friedliches und respektvolles Miteinander beider Religionen eintritt.

Natürlich seien ein religiös motivierter Antijudaismus und der Antisemitismus nicht identisch und unbedingt zu unterscheiden. Das ändere aber nichts daran, dass „gerade in exegetischer Fachliteratur bei der Auslegung neutestamentlicher Texte immer wieder auch antijüdische Aussagen zu finden sind.“

Insbesondere wenn sich Exegetinnen und Exegeten der „neuen Israeltheologie“ der Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verpflichtet fühlten, hätten sie „in der Forschung antijüdische Denkweisen aufzudecken und in der Lehre eine nicht-antijüdische Auslegung biblischer Texte zu vermitteln“. Das sei vor allem deshalb von entscheidender Bedeutung, weil andere theologische Disziplinen exegetische Auskünfte mit antijüdischer Tendenz leicht übernehmen könnten, ohne dass zwischen biblischem Text und christlicher Rezeption unterschieden werde.

Oft werde nicht zur Kenntnis genommen, dass „bestimmte Texte in der Auslegungsgeschichte für christlichen Antijudaismus instrumentalisiert wurden“. Dann dienten beispielsweise solche Textauslegungen dazu, der sogenannten „Enterbungstheorie“ das Wort zu reden, das Judentum zu vereinnahmen oder es zu überbieten bzw. christliche Identität auf Kosten des Judentums zu definieren. Solche Textauslegungen können nur als antijudaistisch bezeichnet werden, sie bedienen sich alter Interpretationsmuster und reproduzieren sie weiter.

„Die Bemühungen in der Exegese, keine anti-jüdische Textauslegung zu betreiben, sind keineswegs an ein Ende gekommen“, betont Professorin Neubrand. „So sehr Exegetinnen und Exegeten maßgeblich am Voranschreiten im jüdisch-christlichen Dialog beteiligt waren und sind, so sehr sind sie aber auch selbst von kirchenoffiziellen Erklärungen zu immer neuen Bemühungen aufgerufen, um dann ihrerseits wieder auf andere theologische Disziplinen einzuwirken.“

Ein wegweisendes, kirchliches Dokument der neueren Zeit, das eine Grundlage für den jüdisch-katholischen Dialog ist, sei die Erklärung Nostra aetate des Zeiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis zu den nicht-christlichen Religionen. Zwar sei es „das kürzeste Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils, aber es hatte und hat bis in die Gegenwart eine eindrucksvolle Wirkungsgeschichte und gehört in diesem Sinne zu den bedeutendsten Dokumenten des Konzils. Mit dieser Erklärung wurde nicht nur eine neue Israeltheologie der Kirche grundgelegt, „sondern auch der jüdisch-christliche Dialog auf ein neues Fundament gestellt bzw. überhaupt erst ermöglicht.“