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Architektur von Sakralbauten als Raum-Erlebnis

Montagsakademie: Kölner Architekt Johannes Schilling über transzendente Räume

Professor Dipl.-Ing. Johannes Schilling im Audimax der Theologischen Fakultät Paderborn. | Foto: ThF-PB

Der bekannte Kölner Architekt Professor Dipl.-Ing. Johannes Schilling hat am Montagabend, 22. Januar, im Audimax der Theologischen Fakultät Paderborn die baukünstlerischen Besonderheiten transzendenter Räume in den Blick genommen. Im Rahmen der Montagsakademie ging er dabei nicht nur auf das Spannungsfeld der „Architektur zwischen Realität und Illusion“ ein, sondern erschloss den Raum als Medium der Gestaltung und stellte die Herausforderungen heutiger Sakralbauten dar.

Was ist eigentlich Architektur? Und was ist Sakralarchitektur? Hat das mit Gestaltung zu tun? Oder geht es um reine Funktion? – Fragen über Fragen, auf die Professor Schilling in seinem rund einstündigen Vortrag geeignete Antworten suchte. Mithilfe eines „Rundgangs“ und der Präsentation von drei neugestalteten Kirchenräumen, „die teilweise etwas anders gedacht sind, als wir das heute vielleicht gewohnt sind“, führte er die Zuhörer anschaulich in seine fachlichen Überlegungen und Vorstellungen ein.

Wenn es um das Thema „Raum“ gehe, suchten Architekten „auf jeden Fall immer Neues“, erklärte der 61-jährige Architekt, der im Kirchen- und Sakralbereich schon viele Projekte realisiert hat. Dazu gehören die Renovierung und liturgische Neuordnung des Hildesheimer Mariendomes ebenso wie im Erzbistum Paderborn die Renovierung und Umgestaltung der Jugendkirche Hardehausen, die Neugestaltung und Verkleinerung der Heilig-Geist-Kirche in Olpe und der Neubau des Forum St. Liborius in der Paderborner Innenstadt.

„Mein Thema ist immer die Frage, was eigentlich Architektur zwischen der Radikalität der reinen Nutzung und der Illusion ist“, sagte Professor Schilling. In diesem Spannungsfeld zwischen der einfachen Konstruktion, der funktionalen Ordnung und der vorgesetzten Realität, die die Architektur neu schaffen könne, liege sein besonderes Interesse. Entscheidend sei jedenfalls dabei die intensive Beschäftigung mit dem Raum als komplexes Medium.

„Der Raum, mit dem wir arbeiten, ist ein starkes Medium. Es ist immer schon da und man benutzt es nicht nur künstlerisch wie beispielsweise die Malerei, sondern erfüllt gleichzeitig Notwendigkeiten.“ Sicher könnten hier verschiedene Definitionen angewandt werden, doch aus Sicht des vielfach ausgezeichneten Architekten sei der Raum auch immer etwas, was Menschen schaffen, um die Welt zu ordnen und um sie begreifen zu können.

„Wenn wir so durch die Stadt gehen, ist im Grunde genommen alles von Menschen geschaffener Raum.“ So erzeuge auch schon eine installierte Treppe einen solchen Raum, der „als Werkzeug“ gebraucht werde, um irgendwo hinaufzukommen. Hinzukomme gleichzeitig aber auch die Erfahrung, wie die Treppe just in dem jeweiligen Moment benutzt werde. Ein drittes Thema sei zudem die Bedeutung des Raumes. Sie erschließe sich jedem individuell.

Für seine Zuhörer leicht nachvollziehbar machte Professor Schilling dann ebenfalls anhand des Treppenbeispiels neben räumlicher Wirkung und mehrdimensionalen Perspektiven den weiteren praktischen Hintergrund der Architektur deutlich: „Eine Treppe, die ins Nichts führt, gibt es in der Architektur nicht, weil wir die Treppe nicht bauen, um irgendeine Bedeutung zu suggerieren oder die Architektur sich dem Betrachter nicht aus einer bestimmten Richtung irgendwie präsentieren möchte.“

Diese Feststellung sei auch für die heutigen Sakralräume und ihr Erleben von Bedeutung. „Wir erleben Sakralräume eben nicht nur als Bühne“, erklärte Professor Schilling. „In der Architektur ist die Möglichkeit, den Raum zu erleben, eigentlich unglaublich vielfältig.“ Der Raum ist keine zeitliche Abfolge mit exaktem Anfang und Ende wie zum Beispiel bei einer Vorstellung im Theater. Auch ist er keine bloße Szenerie.

Bei alldem, was der Raum als Medium für Gestaltungsmöglichkeiten bieten kann, ist dem Kölner Baukünstler für eine zweitgemäße Architektur besonders der Naturbezug wichtig: „Wenn man sagt, was wollen wir heute bei Kirchen, Sakralräumen anders machen, würde ich sagen, der Bezug zur Natur kann und darf sein. Ein Sakralraum muss nicht immer dunkel und gerichtet sein.“ Heute gebe es auch andere Vorstellungen von Ästhetik, die viele offene und transparente Möglichkeiten bieten würden. „Unsere Aufgabe ist heute, glaube ich, da nachzudenken und zu fühlen, was die Menschen heute beschäftigt.“

Weitere Informationen zum Architekturbüro von Professor Schilling erhalten Sie unter www.schilling-architekten.de.

Aufgrund des Doppeljubiläums der 1.000 Jahre alten Bartholomäuskapelle und der Domkirche auf dem 950 Jahre alten Imad-Fundament behandelt die beliebte Vorlesungsreihe der Theologischen Fakultät Paderborn aktuell das Thema „Gott begegnen an heiligen Orten“. Damit soll ein wissenschaftlicher Beitrag zu den beiden Jubiläen in diesem und im nächsten Jahr geleistet werden.

Den nächsten Abend der Montagsakademie am Montag, 29. Januar 2018, um 18.00 Uhr gestalten Cordula Heupts und Dr. Idris Nassery vom Institut für Katholische Theologie an der Universität Paderborn. In dem Gespräch beschäftigen sie sich mit Fragen zum Thema „(Ent-)Sakralisierung von Räumen in Christentum und Islam“.

Bei der öffentlichen Vorlesungsreihe Montagsakademie der Theologischen Fakultät Paderborn halten bedeutende Vertreter aus Kirche und Wissenschaft in jedem Wintersemester immer montags um 18.00 Uhr im Auditorium Maximum (Klingelgasse/Ecke Liboristraße) rund 45-minütige Vorträge aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf aktuelle, gesellschaftlich und theologisch relevante Themen und stellen sich anschließend der Diskussion.