Intranet
Theologische Fakultät Paderborn . Kamp 6 . 33098 Paderborn . Tel.: 05251 121 6

Die Stadt als heiliger Ort

Montagsakademie: Liturgieprofessor Stefan Kopp über „sakraltopographische“ Erforschung mittelalterlicher Städte

Professor Dr. Stefan Kopp beschließt die Montagsakademie in diesem Wintersemester mit einem Vortrag über die „Stadt als heiliger Ort“. | Foto: ThF-PB

Historisch bedeutende Städte wie Paderborn mit einer langen und traditionsreichen Geschichte werden heute gerne als „ansprechend“, „lebenswert“ oder „einfach nur schön“ wahrgenommen. Dass eine solche Stadt aber auch als „heiliger Ort“ bezeichnet werden kann, darüber hat der Liturgiewissenschaftler Professor Dr. Stefan Kopp bei der Montagsakademie am Montag, 5. Februar, im Audimax der Theologischen Fakultät Paderborn gesprochen. Es war der letzte Vortrag der öffentlichen Vorlesungsreihe in diesem Wintersemester zum Thema „Gott begegnen an heiligen Orten“.

In seiner anregenden Darstellung unter der Überschrift „Die Stadt als heiliger Ort“ ging es Professor Kopp um die Hintergründe von „grundlegenden sakraltopographischen Bezügen in Liturgie und Kirchenbau bzw. Kirchenkonzeption im städtischen Gefüge“. Besonders in mittelalterlichen Städten führten sie zu einem je eigenen „sakralen Bedeutungsgeflecht“, das zu einem guten Teil bis heute bestehe und präsent sei. Eine wichtige Rolle spielten dabei die theologischen Bezugspunkte in Liturgie und Architektur zu den im Christentum zentralen Städten Jerusalem und Rom.

Gerade diese zwei Orte könnten als „räumliche Gedächtnisfiguren“ bezeichnet werden, die die Liturgie und den Kirchenbau im Mittelalter besonders geprägt hätten: „Jerusalem als Wirkungsort des historischen Jesus und Rom als herausragende Stadt für die apostolische Tradition der Kirche.“ Beide zusammen hätten „heilsgeschichtliche Relevanz“ und stünden „symbolisch allgemein für die Heilige Stadt, das himmlische Jerusalem, letztlich das Ziel des Menschen“, sagte der Liturgiewissenschaftler und Leiter der Montagakademie.

Als geeignete Möglichkeit, „Vorbilder“ aus Jerusalem und Rom an anderen kirchlich-liturgischen Orten abzubilden, eigneten sich schon einfache textliche oder topographische Bezüge, „indem wichtige Motive, Patrozinien, Grundform oder Geometrie der Gebäude“ aufgegriffen oder zitiert würden. So „wird im Mittelalter nicht nur die gefeierte Liturgie, sondern auch die gebaute Kirchenarchitektur zu einem Bedeutungsträger, wobei es ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen gefeierter Liturgie und theologischer Aussage sowie architektonischer Gestalt und künstlerischer Ausstattung von Kirchen gibt“.

Laut Professor Kopp zitierten Liturgie und Kirchenbau „Jerusalem und Rom als Symbole für die heilige, himmlische Stadt schlechthin“ aber nicht nur im Innenraum einer Kirche. Sie seien auch auf den Außenraum bezogen und „lassen die Stadt, in der die jeweilige Kirche im Verbund mit anderen Sakralräumen steht, zu einem heiligen Ort werden“. In diesem Zusammenhang könne mit Recht von einer „Sakralisierung des urbanen Raumes“ im Mittelalter gesprochen werden, “, meinte der Liturgiewissenschaftler. „Innerstädtisch geschieht dies vor allem gottesdienstlich durch Prozessionen und Stationsliturgien, die sich motivisch zum Teil mit Wallfahrten überschneiden, architektonisch durch den theologischen und spirituellen Zusammenhang von Kirchen mit ihren Patrozinien, z.B. in Form eines Kirchenkreuzes oder eines Kirchenkranzes.“

Was Professor Kopp exemplarisch an liturgischen und sakraltopographischen Bezügen zu Jerusalem und Rom anhand von Beispielen aus Städten wie Bamberg oder Köln im Laufe seines Vortrags zegen konnte, würde für die Stadt Paderborn erst noch zur genaueren Erforschung anstehen: „Ergänzend zu archäologischen Untersuchungen und historischen Studien sind weitere Arbeiten an den liturgiehistorischen Quellen unumgänglich und in ein interdisziplinäres Gespräch mit den historischen Bezugswissenschaften einzubringen.“

Ziel der Erforschung sei ein vertieftes Verständnis der Sakraltopographie Paderborns. Bisherige Beiträge dazu gäbe es bereits von Karl Hengst und Norbert Börste sowie von Manfred Balzer und Clemens Kosch. Weil die Stadt Paderborn als karolingische Gründung schon im Mittelalter mehrere sakraltopographische Entwicklungsstufen erfahren hätten, seien besonders die früheren Bischöfe als Bauherrn interessant, darunter vor allem Bischof Meinwerk (975–1036), der „eine herausragende Bedeutung für den Kirchenbau und seine theologische Konzeption“ habe.

„Dass Bischof Meinwerk die historische Stadt Jerusalem im anagogischen Sinne als zukünftige, himmlische Stadt und somit als theologischen Bezugspunkt im Blick hatte und Paderborn mit seiner sakraltopographischen Konzeption zum Abbild dieser heiligen Stadt machen wollte“, dafür seien bereits eindeutige Belege gefunden worden, erklärte Professor Kopp. Eine weitere „sakraltopographische Erforschung“ würde sicher „interessante Zusammenhänge zwischen gefeierter und gebauter Theologie und noch tiefere Dimensionen der Stadt Paderborn als heiligen Ort offenlegen können“.

Aufgrund des Doppeljubiläums der 1.000 Jahre alten Bartholomäuskapelle und der Domkirche auf dem 950 Jahre alten Imad-Fundament behandelt die beliebte Vorlesungsreihe der Theologischen Fakultät Paderborn aktuell das Thema „Gott begegnen an heiligen Orten“. Damit soll ein wissenschaftlicher Beitrag zu den beiden Jubiläen im vergangenen und in diesem Jahr geleistet werden.

Bei der öffentlichen Vorlesungsreihe Montagsakademie der Theologischen Fakultät Paderborn halten bedeutende Vertreter aus Kirche und Wissenschaft in jedem Wintersemester immer montags um 18.00 Uhr im Auditorium Maximum (Klingelgasse/Ecke Liboristraße) rund 45-minütige Vorträge aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf aktuelle, gesellschaftlich und theologisch relevante Themen und stellen sich anschließend der Diskussion.