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„Eigene Ansätze überprüfen und neue Perspektiven gewinnen“

Dogmatiker Benjamin Dahlke erinnert an Theologen Friedrich Schleiermacher und Karl Barth

Dogmatikprofessor Dr. Benjamin Dahlke mit Werken von Friedrich Schleiermacher und Karl Barth in der Präsenzbibliothek der Theologischen Fakultät Paderborn. | Foto: ThF-PB

Sie zählen zu den bedeutendsten Gestalten des Protestantismus und haben nicht nur erheblichen Einfluss auf die evangelische Theologie. Bis heute prägen Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) und Karl Barth (1886-1968) mit ihrem Denken Kirche und Politik. 2018 jähren sich zum einen Schleiermachers 250. Geburtstag (21. November) und Barths 50. Todestag (10. Dezember). Für Dogmatikprofessor Dr. Benjamin Dahlke von der Theologischen Fakultät Paderborn Grund genug, um an die beiden großen christlichen Denker zu erinnern.

In mehrfacher Hinsicht seien die beiden Gelehrten bis heute einflussreiche Persönlichkeiten, erklärt Professor Dahlke sein Anliegen an die vielseitig relevanten und auch in der katholischen Kirche viel gelesenen evangelischen Theologen zu erinnern. Sie spielten nicht nur eine große Rolle in der Ausbildung der evangelischen Pfarramtskandidaten. „Hinzukommt, dass Friedrich Schleiermacher der Theologe der preußischen Union war, also des Zusammenschlusses von Lutheranern und Reformierten in einer eigenen unierten Kirche, der in Westfalen bis heute Geltung hat.“

Karl Barth sei insofern von Bedeutung, dass er „ganz in der Nähe in Münster lebte und wirkte“ und es dort „mit einem starken Katholizismus zu tun bekam“. „Da gibt es interessante Gesprächskontakte und persönliche Begegnungen, u.a. auch mit dem Gründer der Zeitschrift Catholica, die bis heute in Paderborn verlegt wird“, berichtet Professor Dahlke.

Heute würde man Friedrich Schleiermacher und Karl Barth wohl als „öffentliche Intellektuelle“ bezeichnen. Ihr erhebliches Engagement, ob auf der Kanzel, am Katheder oder im Hintergründigen, sei ihrem christlichen Glauben entsprungen. Zu ihrer Zeit mit je eigenen Herausforderungen konfrontiert, hätten sie Großes geleistet, betont Professor Dahlke.

„Um einmal nur die Theologie anzusprechen: Friedrich Schleiermacher hat mit seiner Schrift ‚Über die Religion‘ einen bis heute viel diskutierten Versuch unternommen, das schon Ende des 18. Jahrhunderts in seiner Plausibilität angefragte Christentum einem skeptisch-distanzierten Publikum zu vermitteln. Mindestens ebenso bedeutsam ist sein dogmatisches Hauptwerk, also ‚Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche‘.“

„Karl Barth wiederum erlangte Bekanntheit, als er nach dem Ersten Weltkrieg eine spektakuläre Programmschrift veröffentlichte, nämlich den ‚Römerbrief‘. Teils in ausdrücklicher Absetzung von Friedrich Schleiermacher arbeitete er einen Entwurf aus, welcher dem Fach eine neue Richtung gab. Seine ‚Kirchliche Dogmatik‘, durch eine immer größere Betonung Jesu Christi gekennzeichnet, gilt inzwischen als Klassiker.“

Besonders im 19. Jahrhundert sei es noch selbstverständlich gewesen, dass sich verschiedene Vertreter der Theologie über Konfessionsgrenzen hinweg mit Fragen des Glaubens und der jeweiligen Weltsicht auseinandergesetzt hätten. Beispielsweise habe eine der ersten Besprechungen von Friedrich Schleiermachers Glaubenslehre, seiner Dogmatik, ein katholischer Theologe verfasst. Das werde heute selbst auf evangelischer Seite oft nicht wahrgenommen, sagt der 36-jährige katholische Dogmatiker.

Auch Karl Barth sei später stark von katholischen Theologen rezipiert worden. „Das muss man sehen. Es war einfach selbstverständlich, sich auf andere überkonfessionelle Autoren zu beziehen und nicht immer nur in der eigenen Konfession zu bleiben.“

Nach Meinung von Professor Dahlke könne die einstige Offenheit für den anderen, für das Gegenüber in theologischen Debatten, heute Antrieb sein, „einmal mehr zu überlegen, wo wir eigentlich nur in unseren kleinen Zirkeln bleiben und auch nicht andere, vielleicht auch fremde Weisen des Denkens wahrnehmen. Das kann uns ja eigentlich nur herausfordern, auch unsere eigenen Ansätze zu überprüfen, aber auch neue Perspektiven zu gewinnen.“

Gerade in der akademischen Auseinandersetzung sei es aus Sicht des katholischen Systematikers geboten, sich den wissenschaftlichen Erkenntnissen der jeweils anderen Konfession zu stellen. „Natürlich ist das Reflexionsniveau, das es in der evangelischen Theologie immer schon gab und bis heute gibt, hoch.“ Das läge nicht zuletzt im bewussten Anschluss an zeitgenössische Philosophien begründet. „Doch wir sollten uns nicht zurückhalten und hier methodisch von lernen.“