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„Glauben an einen Gott, der Tod in Leben wandelt“

Professor Dahlke hält Antrittsvorlesung zur Herausforderung eschatologischer Aussagen

Dogmatikprofessor Dr. Benjamin Dahlke (re.) nach seiner Antrittsvorlesung an der Theologischen Fakultät Paderborn neben Rektor Professor Dr. Wolfgang Thönissen. | Foto: ThF-PB

Professor Dr. Benjamin Dahlke hat sich bei seiner Antrittsvorlesung an der Theologischen Fakultät Paderborn am Mittwoch, 20. Juni, deutlich dafür ausgesprochen, dass eschatologische Aussagen über die „letzten Dinge“, also über die christliche Zukunftserwartung nach dem Tod, grundsätzlich möglich sind. Wie solche Aussagen getroffen werden können, sei in der Theologie zwar seit jeher stark umstritten, weil „für eine detaillierte Darstellung dessen, was nach dem Tod geschehe, belastbare Grundlagen fehlten“. Zu einem „grundsätzlichen Verzicht auf eschatologische Aussagen“ müsse das jedoch nicht führen, sagte der neue Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und Dogmengeschichte.

„Was über das Leben nach dem Tod gesagt wird, muss von Jesus Christus her gewonnen werden. Der gekreuzigte Auferstandene ist sowohl Erkenntnisprinzip als auch Maßstab aller eschatologischen Aussagen“, erklärte der 36-jährige Theologe. Bei der Eschatologie handle es sich im Anschluss an Karl Rahner und seine „christologische Grundlegung“ um „keine antizipierende Reportage später erfolgender Ereignisse“. Für den Christen gehe es vielmehr darum, „die je eigene Gegenwart anzunehmen, und zwar als Moment an der Verwirklichung der in Tod und Auferstehung Jesu Christi bereits angezeigten endgültigen Zukunft“. Diese entspreche letztlich dem, was in der Schöpfung ursprünglich angelegt war, fasste Professor Dahlke zusammen.

Ausgehend von der Frage, was unter eschatologischen Aussagen überhaupt verstanden werden kann, ging der Dogmatiker in seinem Vortrag zunächst auf ihre Problematiken ein. Hinsichtlich der geschichtlichen Entwicklung zeigte er dabei nicht nur anschaulich auf, welche Einwände aus Sicht der Philosophie Immanuel Kants oder der Exegese in der Diskussion zu berücksichtigen sind. In der Beschreibung des historischen Ablaufs fanden auch die besondere Herausforderung der Gegenständlichkeit eschatologischer Aussagen sowie die in der Vergangenheit oft fragliche Bindung an ein überholtes Weltbild ihren Ausdruck.

Darüber Bescheid zu wissen, wie Christen aus ihrem Glauben heraus konkret mit Tod, Trauer und Bestattung umgehen und was sie sich dazu denken, ist nicht nur für die Seelsorge am Sterbebett als komplexes, sensibles, geradezu intimes Ereignis von zentraler Bedeutung, meint Professor Dahlke. „Der christliche Glaube wendet sich an einen Gott, der den Tod in Leben wandelt.“ Das mache sich an der Person Jesu Christi fest, von dem es im Glaubensbekenntnis heißt, er sei „gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ So folgt aus Sicht von Professor Dahlke dem Tot das Leben, „indem der Gekreuzigte nicht im Tode bleibt.“ Um ein Einzelschicksal handle es sich hierbei ausdrücklich nicht.

Weil der christliche Glaube an die Auferstehung und das ewige Leben – als eschatologische Aussage und Grundlage für weitere Folgeaussagen – heute für viele keine Selbstverständlichkeit mehr sei, wolle die Dogmatik hier auch einen Beitrag dazu leisten, dass gerade „die Seelsorge gelingen und qualitativ gut gelingen kann.“ Die Dogmatik, die insofern eine theoretische und eine praktische Dimension besitze, tue das, „indem sie den kirchlich bezeugten christlichen Glauben seinem Inhalt nach im Zusammenhang darstellt und unter den Bedingungen der Gegenwart kommunikabel macht.“

Zu Beginn der Antrittsvorlesung, bei der sich ein neuer Lehrstuhlinhaber förmlich der Öffentlichkeit vorstellt, begrüßte der Rektor der Theologischen Fakultät Paderborn, Professor Dr. Wolfgang Thönissen, seinen jungen Kollegen an der „ältesten Hochschule Westfalens“ und hieß neben den Lehrenden, Studierenden und Mitarbeitenden der Fakultät auch die anwesenden Gäste willkommen, darunter der emeritierte Weihbischof Manfred Grothe, Generalvikar Alfons Hardt sowie neben weiteren Repräsentanten des Erzbistums Paderborn, der Stadt Paderborn und ihren Hochschulen auch viele Wegbegleiter und Angehörige von Professor Dahlke.

Im vergangenen Wintersemester hatte Erzbischof Hans-Josef Becker, Magnus Cancellarius der Theologischen Fakultät Paderborn, nach langjähriger Vakanz Professor Dahlke als Nachfolger von Professor Dr. Dr. Heribert Mühlen zum neuen Inhaber des Lehrstuhls für Dogmatik und Dogmengeschichte ernannt. Zuvor war der heute 36-jährige Theologe, der gebürtig aus Bad Driburg stammt und Priester des Erzbistums Paderborn ist, als Privatdozent an der Universität Mainz sowie als Fellow am Boston College tätig.

Nach dem Abitur nahm Benjamin Dahlke das Studium der Philosophie und katholischen Theologie an der Theologischen Fakultät Paderborn auf und erwarb hier 2006 nach Freisemestern in München das Diplom. Nach weiteren Studien in Mainz und Princeton/USA promovierte ihn die Katholische-Theologische Fakultät der Universität Mainz im Jahre 2009 mit einer Arbeit über „Die katholische Rezeption Karl Barths, 1922-1958“. 2013 wurde er im Hohen Dom zu Paderborn zum Priester geweiht und war dann drei Jahre Vikar in Dortmund-Brackel. Die Habilitation folgte im Jahr 2015 in Mainz mit einer Arbeit über „Kritische Orthodoxie. Zum Umgang evangelischer und anglikanischer Theologen mit der Lehrformel von Chalcedon“. Das vergangene Jahr verbrachte er noch einmal in den USA zu einem Forschungsaufenthalt.

Zu seinen derzeitigen Forschungsschwerpunkten zählen Grundlegungsfragen systematischer Theologie. Das schließt Themen wie das Verhältnis von menschlicher Selbstverständigung und kirchlichem Dogma oder den Systembegriff ein. Zudem befasst sich Professor Dahlke mit dem evangelischen Theologen Karl Barth (1886-1968). Längerfristig angelegt ist ein Editionsprojekt, das den Philosophen Hans Blumenberg (1920-1996) betrifft.

Das Fach Dogmatik ist damit befasst, den christlichen Glauben seinem Inhalt nach im Zusammenhang darzustellen. Zum einen erhebt sie dessen verbindliches Verständnis, wofür die Rekonstruktion der Dogmen- unter Einbeziehung der Theologiegeschichte unerlässlich ist. Zum anderen strukturiert sie dieses Verständnis in Form einzelner Lehrstücke, die wiederum Traktate wie etwa die Christologie oder die Eschatologie bilden. Schließlich begründet sie, warum bestimmte Aussagen wichtig sind, will man den christlichen Glauben vollauf verstehen. Damit ist die Dogmatik normative Glaubenslehre auf der Basis der vorliegenden kirchlichen Lehrbildung. Sie muss allerdings zugleich die Aneignung des Glaubens unter den Bedingungen der Gegenwart im Blick behalten. Von daher steht die Dogmatik in einem inneren Bezug zur Fundamentaltheologie. Grund- und Darlegung des Glaubens gehören zusammen.