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Gott als Urgrund alles Heiligen

Montagsakademie: Interreligiöses Gespräch stellt Verbindendes zwischen Christentum und Islam heraus

Unterhaltsamer und gewinnbringender Austausch über das „Heilige“ in Christentum und Islam: (v.l.) Dr. Idris Nassery, Professor Dr. Stefan Kopp und Cordula Heupts im Audimax der Theologischen Fakultät Paderborn. | Foto: ThF-PB

Viele Aspekte sind bisher bei der Montagsakademie dieses Wintersemesters zum Thema „Gott begegnen an heiligen Orten“ beleuchtet und besprochen worden. Am Montag, 29. Januar, kam jetzt eine weitere besondere Perspektive hinzu: ein interreligiöses Gespräch über das „Heilige“ in Christentum und Islam. Die katholische Theologin Cordula Heupts und der islamische Rechtswissenschaftler Dr. Idris Nassery aus Paderborn diskutierten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Auffassungen beider Religionen vom „Heiligen“.

Nicht nur die interessierten Gäste im Audimax der Theologischen Fakultät Paderborn fühlten sich von den Statements beider Referenten und dem anschließenden Dialog angesprochen, unterhalten und zugleich gut informiert. Auch Professor Dr. Stefan Kopp, der als Leiter der Montagsakademie in das interreligiöse Gespräch einführte und sich zudem an dem teilweise sehr persönlichen Austausch beteiligte, war von dem Format angetan, dessen Thema „Heiliger Boden? (Ent-)Sakralisierung von Räumen in Christentum und Islam“ lautete.

„Ich denke, es war sehr anregend und auch horizonterweiternd“, fasste Professor Kopp unter lautem Klopfen der Zuhörer auf die Hörsaalbänke die Veranstaltung abschließend zusammen. Die Horizonterweiterung bestand besonders darin, dass der Austausch deutlich machte, wie viel Verbindendes zwischen Christentum und Islam beobachtet werden kann, insbesondere dann, wenn es um den eigentlichen Urgrund alles Heiligen geht. Weitere Diskussionspunkte waren weiterführende Fragen zu Raumgestaltung, Ästhetik und Handlungsvollzüge.

Das erste Statement des Abends gab Cordula Heupts ab, die sich dem Thema aus christlich-katholischer Sicht näherte: Für sie könnten „Kirchenbauten die Gegenwart Gottes nicht einfach herstellen“, sagte die Theologin. Dennoch zeige sich in ihnen eindeutig „die Hoffnung, dass Gott in der Eucharistie, in der feiernden Gemeinde und durch die Heiligen gegenwärtig“ sei. Der Mensch brauche außergewöhnliche Orte, „um die Präsenz Gottes wahrnehmen zu können.“ Darum sondere er dafür auch wie in vielen anderen Kulten „besondere Orte von der Alltagswelt ab“.

Von Sakralisierung könne immer dann gesprochen werden, „wenn etwas für den Kult ausgesondert wird, wobei das Sakralisierte insofern profan bleibt, dass es immer auch von Gott unterschieden ist“. Gleichzeitig mache es das Sakrale sichtbar, das an der Herrlichkeit Gottes teilhabe und „immer auf Gott bezogen ist“. Das Sakralisierte sei eine „Konkretion, Veranschaulichung oder Verleiblichung der immer schon mitgegebenen Erfahrung des Sakralen“.

„Gefährlich“ sei eine „Verabsolutierung“, erklärte Cordula Heupts weiter, weil dadurch „die Erfahrung selbst zum Zweck wird und nicht mehr ihren durchscheinenden Charakter auf Gott behält.“ Das Sakralisierte bekomme den Anschein, dass es selbst heilig sei. Entsakralisierung meine hingegen den kritischen Prozess, in dem diese Verabsolutierung aufgedeckt und unter Umständen wieder rückgängig gemacht werde: „Entsakralisierung ist in Bezug auf Kirche der Versuch, dem Sakralisierten, wieder seinen auf Gott durchscheinenden Charakter zu geben.“

Im zweiten Statement ging es dann um die islamische Betrachtungsweise auf das Thema „Heiligkeit“. Dr. Nassery stellte dar, dass auch wenn der reine Begriff „sakral“ im Arabischen nicht zu finden sei und ebenso eine Definition im Sinne der „Verabsolutierung einer Sache oder einer Person“ fehle, gebe es Begriffe, die dem sehr nahe kommen würden, sagte der Rechtswissenschaftler und Wissenschaftliche Mitarbeiter am Seminar für Islamische Theologie der Universität Paderborn. Aus dem Koran als Primärquelle könnten diese Begriffe ihrer Bedeutung nach mit Reinheit, Unantastbarkeit, Heiligkeit oder vor allem Herrlichkeit übersetzt werden.

Wolle man sich mit dem Begriff „sakral“ im Kontext der islamischen Theologie auseinandersetzen, stelle man schnell fest, dass die sinnverwandten Begriffe „allein auf Gott bezogen sind. Allein Gott werden die Merkmale der Heiligkeit zugeschrieben“, erklärte Dr. Nassery. Erst in einem weiteren Schritt fiele auf, dass in bestimmten Überlieferungen „Gott selbst den Begriff ‚sakral‘ auch für bestimmte Orte benutzt“. Dabei sei von Symbolen die Rede, „die Gott geschaffen hat, von Orten, die eine Symbolik haben“.

Folglich könne zunächst nur Gott „Sakralität“ zuschreiben und „heiligen Stätte“ benennen. „In der Kommentarwissenschaft, der Exegese des Korans, lassen sich dann zahlreiche Auseinandersetzungen finden, was mit diesen heiligen Stätten gemeint ist und welche es sind.“ An einer markanten Stelle werde ausdrücklich gesagt: „Euch sind die Orte Mekka, Medina und Jerusalem heilig, so ersuchet sie und erdenket Gottes“, zitierte der Islamwissenschaftler den Verweis auf die drei für den islamischen Glauben so bedeutenden Städte.

„Das heißt, Gott bestimmt den Ort, der sakral ist. Gott verleiht ihm sakralen Charakter.“ Zunächst habe das ausschließlich für die Kaaba in Mekka gegolten, die auch als Haus Gottes bezeichnet werde. Mit der „Expansion des Islams und mit der Erweiterung der Gemeinden“ seien dann weitere Orte entstanden, auf die der Begriff analoge Anwendung gefunden habe. „Dass man einen Begriff, der allein exklusiv auf die Kaaba in Mekka bezogen war, jetzt auf weitere Moscheen bezieht“, könne für die weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung von besonderer Bedeutung sein, gab Dr. Nassery abschließend zu bedenken.

Aufgrund des Doppeljubiläums der 1.000 Jahre alten Bartholomäuskapelle und der Domkirche auf dem 950 Jahre alten Imad-Fundament behandelt die beliebte Vorlesungsreihe der Theologischen Fakultät Paderborn aktuell das Thema „Gott begegnen an heiligen Orten“. Damit soll ein wissenschaftlicher Beitrag zu den beiden Jubiläen im vergangenen und in diesem Jahr geleistet werden.

Den nächsten und letzten Vortrag der Montagsakademie in diesem Wintersemester hält am Montag, 5. Februar, um 18.00 Uhr Professor Dr. Stefan Kopp aus Paderborn. Der Leiter der Montagsakademie spricht abschließend zum Thema „Die Stadt als heiliger Ort“.

Bei der öffentlichen Vorlesungsreihe Montagsakademie der Theologischen Fakultät Paderborn halten bedeutende Vertreter aus Kirche und Wissenschaft in jedem Wintersemester immer montags um 18.00 Uhr im Auditorium Maximum (Klingelgasse/Ecke Liboristraße) rund 45-minütige Vorträge aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf aktuelle, gesellschaftlich und theologisch relevante Themen und stellen sich anschließend der Diskussion.