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Kirchenrecht flexibel bei Umgestaltung und Umnutzung von heiligen Orten

Montagsakademie: Dr. Yves Kingata über „Sakralräume und ihre Umgestaltung“

Dr. Yves Kingata bei seinem Vortrag im Audimax der Theologischen Fakultät. | Foto: ThF-PB

Es ist ein ebenso aktuelles wie umstrittenes Thema: die Umgestaltung, Umwidmung oder der Abriss von Kirchen und sakralen Räumen. In der Reihe Montagsakademie der Theologischen Fakultät Paderborn hat sich am Montag, 6. November, der Münchner Kirchenrechtler Dr. Yves Kingata dieses Themas angenommen und über „Sakralräume und ihre Umgestaltung aus kirchenrechtlicher Perspektive“ gesprochen.

„Wieviel darf an einem Sakralraum verändert werden? Was ist kirchrechtlich erlaubt?“ Nicht zuletzt aufgrund der gegenwärtigen finanziellen wie personellen Situation der Kirche seien diese Fragen zumindest in Deutschland aktueller denn je, sagte Dr. Kingata bei seinem Vortrag im Audimax der Theologischen Fakultät. Zwar seien diese Fragen in der langen Kirchengeschichte alles andere als neu. Dennoch sei die Diskussion über die Aufgabe oder Umnutzung von Sakralräumen heute unbedingt notwendig. Gegenwärtig führe nämlich „die rückläufige Entwicklung des Kirchensteueraufkommens, der Kollekten und Spenden dazu, dass Kirchengemeinden häufig die Kosten für Kirchen, die sich in ihrem Pfarrgebiet befinden, nicht mehr aufbringen können.“

Mit seinen Ausführungen, insbesondere zu den rechtshistorischen Grundlagen des Themas, konnte der Münchner Kirchenrechtler zeigen, „dass die Umgestaltung, Umwidmung oder der Abriss von Sakralräumen die Geschichte der Kirche nahezu von Anfang an begleitet haben“. Die Kirche verstehe sich selbst „von ihrer Ekklesiologie her immer als ecclesia reformata semper reformanda, das heißt als eine Kirche, die stets der Reform bedarf“.

Heute ermögliche „der kirchliche Gesetzgeber, dass die Umgestaltung von Sakralräumen in sehr unterschiedlichen Formen geschehen kann und auch weltliche Funktionen in den Blick genommen werden“. Es sei zu begrüßen, dass der Gesetzgeber für die gelungene Umnutzung der heiligen Orte kein Patentrezept festgelegt hat“, unterstrich Dr. Kingata. Vielmehr gewähre er „eine große Flexibilität“ und bestimme „als Grundvoraussetzung nur die Profanierung, um einen Sakralraum in den profanen Stand zurückzusetzen“. Schließlich verlange er, „dass sakrale Räume nicht einem unwürdigen Gebrauch zugeführt werden“.

Für die Praxis könne generell festgehalten werden, dass „der Erhalt einer Kirche durch Umnutzung, beispielsweise für öffentlich-kulturelle Zwecke, dem Abbruch vorzuziehen“ sei. Dazu genieße „die Nutzung eines Kirchenraumes für kulturelle Aufgaben den Vorrang vor der Nutzung für kommerzielle Zwecke“. Bei bestehender Weihe des Sakralraumes könne die „Nutzungsteilung mit anderen kirchlichen Gemeinschaften“, eine „Übereignung an eine andere christliche Kirche“ oder die „vorläufige Beendigung der liturgischen Nutzung“ in Betracht gezogen werden. Ebenso könne nach einer Teil-Entwidmung die Teil-Nutzung eines Kirchenraumes in Frage kommen.

Erst nach einer Profanierung könne der dann ehemalige Sakralraum verkauft, abgerissen oder als Kolumbarium genutzt werden. Die „Profanierung einer Kirche und seine neue Nutzung als Friedhof“ sei allerdings besser als „Umwidmung“ zu verstehen, erklärte Dr. Kingata. Denn in diesem Fall könne „die Nutzungsbestimmung einer Kirche nach einer Zeit wieder geändert werden“, weshalb dieser Aspekt bei der der baulichen Umgestaltung einer Kirche zu einer Grabeskirche beachtet werden sollte.

Aufgrund des Doppeljubiläums der 1.000 Jahre alten Bartholomäuskapelle und der Domkirche auf dem 950 Jahre alten Imad-Fundament behandelt die beliebte Vorlesungsreihe der Theologischen Fakultät Paderborn aktuell das Thema „Gott begegnen an heiligen Orten“. Damit soll ein wissenschaftlicher Beitrag zu den beiden Jubiläen in diesem und im nächsten Jahr geleistet werden.

Den nächsten Vortrag der Montagsakademie am Montag, 13. November, um 18.00 Uhr hält Professor Dr. Herbert Haslinger aus Paderborn. Er spricht zum Thema „Der Alltag als Ort der Gotteserfahrung“.

Bei der öffentlichen Vorlesungsreihe Montagsakademie der Theologischen Fakultät Paderborn halten bedeutende Vertreter aus Kirche und Wissenschaft in jedem Wintersemester immer montags um 18.00 Uhr im Auditorium Maximum (Klingelgasse/Ecke Liboristraße) rund 45-minütige Vorträge aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf aktuelle, gesellschaftlich und theologisch relevante Themen und stellen sich anschließend der Diskussion.