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„Können Künstler Orte schaffen?“

Montagsakademie: Der Kasseler Künstler Norbert Radermacher im Gespräch mit Professor Josef Meyer zu Schlochtern

Der Kasseler Künstler Professor Norbert Radermacher (re.) im Gespräch mit Professor Dr. Josef Meyer zu Schlochtern (li.). | Foto: ThF-PB

Ungewöhnlich konkret und greifbar fiel die zwölfte Veranstaltung in der Vorlesungsreihe Montagsakademie zum vergleichsweise abstrakten Thema „Gott begegnen an heiligen Orten“ aus. Vielleicht war es die Form des Gesprächs statt eines Vortrags, die diesen Eindruck vermittelte. Sicher aber waren auch die Fragestellungen und Inhalte für die Gäste und Mitdiskutanten selten so anschaulich und real: „Gibt es Orte, an denen sich Menschen gerne aufhalten? Ist es der Kunst möglich, solche Orte zum Wohlfühlen zu schaffen? Und welche besonderen Erfahrungen sind damit möglicherweise verbunden?“

Diese und weitere Fragen standen am Montagabend, 15. Januar, im Zentrum des Gespräches zwischen dem Kasseler Künstler Professor Norbert Radermacher und dem Paderborner Fundamentaltheologen Professor Dr. Josef Meyer zu Schlochtern. Zusammen mit den Gästen der Montagsakademie diskutierten sie im Audimax der Theologischen Fakultät Paderborn unter der Überschrift „Können Künstler Orte schaffen?“.

Bei dem Gedankenaustausch führte Professor Meyer zu Schlochtern mithilfe einer kritischen Beobachtung das Thema ein: in vielen Städten und Dörfern gebe es immer irgendwelche Orte, „die öde und langweilig sind“. Nicht selten werde zwar versucht, das „Einerlei mit Denkmälern, Kunstwerken oder Grünzonen aufzubrechen.“ Doch oft geschehe das nur mit fraglichem Erfolg, sagte der Theologe und Kunstkenner.

Nach einer kurzen Vorstellung des Künstlers präsentierten die beiden Gesprächspartner dann einige Beispiele aus der Serie „Stücke für Städte“, bei der Professor Radermacher mit seiner Kunst mithilfe kleinerer Veränderungen in die Stadtlandschaft eingreift. Auch wenn es Künstler schwer hätten, neue Orte zu schaffen, könnten sie zumindest vorhandene Orte neu entdecken und sie mithilfe des künstlerischen Eingreifens anderen kenntlich machen, erklärte Professor Radermacher.

Das Geheimnis von Kunst sei in dem Erstaunen erreicht, wenn „materiell fast nichts da ist und etwas trotzdem zweifelsfrei da ist“, beschrieb der 64-jährige Künstler seine Arbeit. Es gehe um Veränderung. Wenn „ein Zeichen, ein Bild, eine kleine Geste durch Verwandlung etwas Größeres wird, was man dann letzten Endes auch nicht mehr benennen kann“, dann habe das etwas Unaussprechliches und führe zum Staunen.

Dabei achtete Professor Radermacher bei seiner nun jahrzehntelangen Arbeit nicht darauf, was Leute machen oder wie sie auf seine Kunst reagieren. Er setzt auf überraschende Momente. „Manchmal habe ich über viele Ecken Reaktionen von Menschen bekommen, die einen Ort für sich entdeckt haben, der mit meiner Arbeit zu tun hatte. Sie haben mir dann die Bedeutung erzählt und ich war überwältigt.“

Nicht der Künstler mache Kunst, sondern das Ereignis. Der Künstler könne vielleicht eine Gelegenheit bieten: „Wo alle Funktionalität und alle Linearität des Verstehens kurz aufhört und in dieser Lücke etwas aufbricht oder aufscheint, was dann weiter sehen lässt, dann hat sich so was wie Kunst ereignet, erklärte Professor Radermacher, von dem auch in Paderborn eine Installation zu bestaunen ist. Sie kann in der Domppropsteigasse zwischen Kleinem Domplatz und Hathumarstraße entdeckt werden: „Das Dazwischen“, zwei sich exakt gegenüberliegende Halbschalen, die 1998 in die Natursteinmauern rechts und links des Weges eingeschliffen worden sind.

Professor Norbert Radermacher stammt aus Aachen und hat an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Nach einigen Stipendien, unter anderem von der Ernst Forberg Stiftung, war er im Berliner Künstlerhaus Bethanien tätig und entwickelte Konzepte zu situationsbezogenen Skulpturen im Stadtraum von Städten. Seit 1992 ist er Professor an der Universität Kassel. Für sein vielfältiges künstlerisches Schaffen erhielt er mehrere Preise und Auszeichnungen.

Aufgrund des Doppeljubiläums der 1.000 Jahre alten Bartholomäuskapelle und der Domkirche auf dem 950 Jahre alten Imad-Fundament behandelt die beliebte Vorlesungsreihe der Theologischen Fakultät Paderborn aktuell das Thema „Gott begegnen an heiligen Orten“. Damit soll ein wissenschaftlicher Beitrag zu den beiden Jubiläen in diesem und im nächsten Jahr geleistet werden.

Den nächsten Vortrag der Montagsakademie am Montag, 22. Januar 2018, um 18.00 Uhr hält Professor Dipl.-Ing. Johannes Schilling aus Köln. Der Architekt spricht zum Thema „Transzendente Räume“.

Bei der öffentlichen Vorlesungsreihe Montagsakademie der Theologischen Fakultät Paderborn halten bedeutende Vertreter aus Kirche und Wissenschaft in jedem Wintersemester immer montags um 18.00 Uhr im Auditorium Maximum (Klingelgasse/Ecke Liboristraße) rund 45-minütige Vorträge aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf aktuelle, gesellschaftlich und theologisch relevante Themen und stellen sich anschließend der Diskussion.