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Montagsakademie: Machtmissbrauch verhindern durch konsequente Seelsorge vor Ort

Prof. Dr. Benjamin Dahlke im Gespräch mit dem FAZ-Korrespondenten Reinhard Bingener

Am Montag, 16. Dezember, sprach der Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät Paderborn, Prof. Dr. Benjamin Dahlke, im Rahmen der Montagsakademie mit dem Journalisten Reinhard Bingener, der für die FAZ u.a. über die evangelische Kirche berichtet. Die Zuschauerinnen und Zuschauer im Auditorium Maximum folgten gespannt dem Gespräch der beiden Theologen über die „Einhegung kirchlicher Macht“ und die Entwicklung „ekklesiologischer Perspektiven und aktueller Beobachtungen“.

Prof. Dr. Benjamin Dahlke, Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät Paderborn, im Gespräch mit dem FAZ-Korrespondenten Reinhard Bingener im Rahmen der Montagsakademie. .| Foto: ThF-PB

Zunächst widmeten sich Dahlke und Bingener vor dem Hintergrund des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche der Frage, wie es mit der Verantwortungsübernahme der Bischöfe bestellt ist, und der Rolle der Medien in diesem Zusammenhang. Während der Rücktritt vom Amt in der Politik längst eine gängige Form der Verantwortungsübernahme darstellt, findet dies in den beiden großen Kirchen Deutschlands nur zögerlich Eingang. Bingener bezeichnete diese Form der Übernahme von Gesamtverantwortung ohne persönliches Verschulden als heilsam. Zugleich gab er zu bedenken, dass hier eher eine Sündenbockfunktion übernommen werde als die Ursache anzugehen. Die Frage, ob die im Gegensatz zur katholischen Kirche in der evangelischen Kirche sehr transparente, klare und koordinierte Medienarbeit eine gute Chance darstellt, Menschen vor dem Hintergrund leer bleibender Kirchen zu erreichen und eine Bindungskraft in die Bevölkerung hinein aufzubauen, beantwortete der FAZ-Korrespondent eher skeptisch. Als unabhängigen Journalismus mit Korrektivfunktion wollte er die Medienarbeit auch nicht charakterisieren.

Vor dem Hintergrund des Synodalen Weges fragte Dahlke nach den Erfahrungen in der evangelischen Kirche mit Synoden. Reinhard Bingener warnte davor, die Strukturen der evangelischen Kirche auf die katholische Kirche übertragen zu wollen, denn es hätten sich in dieser durch die im System nicht verankerten Kontrollmechanismen ebenfalls informelle Entscheidungsstrukturen entwickelt. Hier könne eher das weltliche System mit seiner Gewaltenteilung, Transparenz und Überprüfbarkeit als Vorbild dienen. Außerdem wies er auf die in der katholischen Kirche festgeschriebene Fokussierung der Entscheidungsgewalt auf die Bischöfe hin und mahnte vor dem euphorischen Bild, das die Medien für den Synodalen Weg gezeichnet hätten. Es sei den Menschen nicht klar, dass zwar alle Themen diskutiert werden könnten, die letzte Entscheidungsgewalt aber bei den Bischöfen verbliebe. Da die Menschen aber kaum noch daran glaubten, dass die Bischöfe aufgrund ihres besonderen Amtes ein besonderes Entscheidungsvermögen besitzen, könnte eine solche Entscheidung dann zu einer noch größeren Krise führen.

Um die kirchliche Macht einzuhegen, formulierten Dahlke und Bingener drei Thesen: Erstens sollte im Sinne einer Gewaltenteilung das System von checks and balances (Überprüfung und Ausgleich) so weit wie möglich auch in der Kirche eingeführt werden. Zudem bedarf es einer kritischen Öffentlichkeit, für die kritischer Journalismus unerlässlich ist. Zweitens sollten Kirchengemeinden für ihre seelsorgerische Arbeit vor Ort mit ausreichend Mitteln ausgestattet werden. Die Kommunikation von Mensch zu Mensch verstärkt nachweislich die Bindung an die Kirche, was nicht durch die Ausweitung der kirchlichen Verwaltungsstrukturen auf einer Metaebene geschehe. Diese konsequente Orientierung am seelsorgerischen Auftrag könne die Kirche nach Meinung der beiden Theologen davor bewahren, ihre eigene Macht ziellos werden zu lassen oder zu missbrauchen.

Im neuen Jahr startet die Montagsakademie am 6. Januar mit einem Gespräch der Kölner Kriminalpsychologin und Schriftstellerin Lydia Benecke mit Benjamin Krysmann, Diplom-Theologe und Pressesprecher des Erzbistums Paderborn, über „Macht und Tat. Eine kriminalpsychologische Perspektive“. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr im Auditorium Maximum der Theologischen Fakultät Paderborn und wird wieder live auf Youtube übertragen.

Mit „Macht und Ohnmacht in der Kirche“ stellt die Montagsakademie der Theologischen Fakultät Paderborn im Wintersemester 2019/2020 ein brisantes Thema in den Fokus der Veranstaltungsreihe. Missbrauchskrise und Vertrauensverlust sind nur zwei Stichworte, die komplexe kirchliche Problemfelder unserer Zeit benennen und zu einem neuen Nachdenken drängen. Welche Denkfiguren und Handlungsmuster prägen die Theologie und die kirchliche Praxis? Was kann getan werden, um sich neu an der Botschaft des Evangeliums auszurichten, Klerikalismus in der Kirche zu überwinden und seelsorgerliche Wegbegleitung mit geistlicher Autorität, aber ohne Missbrauch von Macht zu ermöglichen?

Die Montagsakademie ist eine öffentliche Vorlesungsreihe der Theologischen Fakultät Paderborn. Als lebendiges Forum konzipiert stellen sich renommierte Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche und Wissenschaft in jedem Wintersemester einem ausgewählten Thema oder einer aktuellen Fragestellung der Zeit, treten in einen Dialog miteinander und dem Publikum und versuchen, aus ihrer Expertise heraus Lösungsmöglichkeiten bzw. Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Die Essenz der Vorträge, Diskussionen und Gespräche werden jährlich als wissenschaftliche Publikation herausgegeben. Die Montagsakademie findet seit 2007/2008 in jedem Wintersemester immer montags um 18.00 Uhr im Auditorium Maximum (Klingelgasse/Ecke Liboristraße) der Theologischen Fakultät Paderborn statt. Sie ging aus der im Wintersemester 1994/1995 ins Leben gerufenen Seniorenakademie hervor.