Intranet
Theologische Fakultät Paderborn . Kamp 6 . 33098 Paderborn . Tel.: 05251 121 6

Nach dem Gedenken ist vor der Arbeit

Ökumene-Experte Wolfgang Thönissen zu den Herausforderungen nach dem 500. Reformationstag

Professor Dr. Wolfgang Thönissen ist Lehrstuhlinhaber für Ökumene an der Theologischen Fakultät Paderborn und leitet das Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik. | Foto: ThF-PB

Am 31. Oktober hatten alle Bundesbürger frei. Grund: Reformationstag, nicht Halloween! Die Christen in Deutschland haben an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren gedacht, als Martin Luther 1517 seine 95 Thesen an die Wittenberger Schlosskirche geschlagen haben soll. Gleichzeitig blickten die evangelische und katholische Kirche gemeinsam auf das vergangene Jubiläums- und Gedenkjahr zurück, in dem Vieles aus der Geschichte in Erinnerung gerufen, manches davon bereut, das ein oder andere Zeichen für die Zukunft aber sicher gesetzt wurde, ganz im Sinne der Ökumene. Doch größere Schritte zu mehr sichtbarer Einheit blieben aus.

Was für viele enttäuschend sein mag, bedeutet für andere jetzt Arbeit. Einer von ihnen ist Professor Dr. Wolfgang Thönissen. Er lehrt Ökumene an der Theologischen Fakultät Paderborn, deren Rektor er auch zurzeit ist, leitet das Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik und ist ein gefragter Experte, wenn es um die Bemühungen um die Einheit der Christen aus katholischer Sicht geht.

Herr Professor Thönissen, wie haben Sie den arbeitsfreien Reformationstag verbracht?

Wolfgang Thönissen: Sehr entspannt habe ich den Reformationstag verbracht, nicht bei großen Veranstaltungen, sondern privat im Nachdenken über all das, was in den letzten Jahren gewesen ist. Ein ruhiges, bedächtiges Abschreiten der Wege also, die wir für die Ökumene in den vergangenen Jahren gegangen sind. Und nebenbei habe ich auch noch den einen oder anderen Luther-Film gesehen.

Reinhard Kardinal Marx sagte vom 500. Reformationstag, er sei kein Schlusspunkt, sondern ein Doppelpunkt. Welche Herausforderungen stehen jetzt an?

Wolfgang Thönissen: Ich denke, es gilt zwei Ebenen zu unterscheiden: Eine ist die Orts-, Stadt- und Regionalebene. Hier gibt es viele ökumenische Bemühungen, nicht nur von evangelischen und katholischen Christen, sondern auch von orthodoxen Christen. Im konkreten Zusammenleben ist schon Vieles ganz selbstverständlich geworden. Das bleibt und ich hoffe, dass sich das auch noch vertiefen lässt. Viele Möglichkeiten haben wir auch hier noch nicht ausgeschöpft. Das ist die eine Ebene.

Die andere übergeordnete Ebene bezieht sich auf die Frage, wie es jetzt zwischen den Lutheranern, Reformierten, Anglikanern und Katholiken eigentlich weitergehen soll, nachdem sie überraschender Weise festgestellt haben, dass die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 die Basis für die weitere Zusammenarbeit ist. Da stehen wichtige Fragen an: beispielsweise zum Amtsverständnis, zum Umgang mit der Eucharistie. Manche Fragen können wir jetzt noch nicht mit einem klaren Ja beantworten, aber ich denke, auf dieser Ebene wird man weitergehen müssen.

Kommt Ihnen Papst Franziskus dabei entgegen?

Wolfgang Thönissen: Ja. Papst Franziskus hat bei der gemeinsamen ökumenischen Gedenkfeier mit den Lutheranern am 31. Oktober 2016 im schwedischen Lund ein wichtiges und starkes Zeichen gesetzt: Ohne uns weiter verurteilen zu müssen, können wir gemeinsam in die Vergangenheit blicken und andere Schlüsse aus ihr ziehen. Wir können in Zukunft ohne Vorurteile viel besser miteinander umgehen. D.h., wir schließen die Vergangenheit nicht aus, sondern nehmen sie mit. Dabei wissen wir, dass wir gemeinsam noch etwas aufzuholen haben. Die Spaltung ist noch nicht überwunden. Dieses Zeichen von Papst Franziskus in Lund sollten wir in Erinnerung behalten und zukünftig immer wieder darauf zurückgreifen.

Was hat Sie im vergangenen Gedenkjahr ermutigt, sich weiter in der Ökumene zu engagieren?

Wolfgang Thönissen: Ich bin auf viele interessierte Menschen gestoßen. Bei allen Diskussionen haben sie mir zu verstehen gegeben, dass es gut ist, heute anders miteinander umgehen zu können als in der Vergangenheit. Das ist etwas, was uns in diesem Jahr geschenkt worden ist. Das hat nicht nur für gute Stimmung gesorgt, sondern das hat Menschen auch in der Grundüberzeugung ihres Christseins bestärkt. Man muss und braucht nicht Christsein gegen andere zu leben. Man ist miteinander Christ. Das ist der ökumenische Impuls, den ich überall gespürt habe. Auch habe ich ein ungemein großes Interesse bei den evangelischen Christen an den Vorträgen über den katholischen Luther bemerkt. Sie haben gemerkt, dass sich Katholiken genauso mit großer Freude, Intensität und Spannung mit Martin Luther beschäftigen können. Ich glaube, das ist ganz wichtig, dass evangelische Christen festgestellt haben, Katholiken verurteilen Luther nicht. Sie gehen mit ihm kritisch um, aber sie verurteilen ihn nicht. Sie lernen von und mit ihm. Luther kann auch für Katholiken Zeichen setzen. Ich glaube, das ist etwas Wichtiges, was wir an Gutem aus diesem Jahr mitnehmen können und was uns in der Ökumene weiter ermutigen sollte.

Oft wird betont, dass es mehr Verbindendes als Trennendes zwischen den christlichen Konfessionen gebe. Warum werden wir dann nicht eine Kirche?

Wolfgang Thönissen: Wir können uns sicher nicht über die Trennungsgründe selbst hinwegsetzen. Die Kritik Luthers und anderer Reformatoren am Bußsakrament, am Opfercharakter der Eucharistie oder am Amt waren fundamental und so schwerwiegend, dass sie zu den Trennungen geführt haben. Vieles haben wir an diesen gewichtigen Fragen klären können, weshalb es tiefgehende Übereinstimmungen gibt, aber eben noch keinen endgültigen Durchbruch. Das kann man bedauerlich finden, aber man darf jetzt auch nicht den Fehler machen und sagen: weil wir das nicht geschafft haben, war alles nichts. Wir dürfen uns jetzt nicht unter Zeitdruck setzen lassen. Denn nichts ist schlimmer als Fragen vor uns her zu tragen, die wir nicht geklärt haben. Das würde bedeuten, dass wir irgendwann wieder vor diesen ungeklärten Fragen stehen werden und dann darüber erschüttert sind, warum wir sie nicht wirklich einmal geklärt haben. Das könnte uns nämlich in eine tiefere Krise führen als die, die wir schon längst hinter uns haben. Also Fragen, die da sind, müssen geklärt werden. Einheit auch als Zeichen und Symbol muss eine wirkliche Einheit sein. Wir können nicht etwas gemeinsam tun und gleichzeitig sagen, jeder könne dabei denken, was er oder sie wollte. Das wäre nicht ehrlich. Und eine unehrliche Ökumene ist das Schlechteste, was wir haben können.

Ein wunder Punkt ist die Eucharistie bzw. das Abendmahl, nicht nur für konfessionsverschiedene Eheleute. Wann können alle gemeinsam Eucharistie feiern?

Wolfgang Thönissen: Die Frage muss man sicher in zwei Teilen beantworten: Unsere ökumenische Aufgeschlossenheit in der katholischen Kirche und die Klärung der theologischen Fragen, die da mitschwingen, sind mindestens so weit geklärt, dass wir sagen können, niemand, kein nicht-katholischer Christ wird prinzipiell von der katholischen Eucharistie ausgeschlossen. Für den Einzelnen kann es immer eine Situation geben, in der er für sich im Gewissen entscheidet, ich kann an der Eucharistie teilhaben, weil ich den Glauben daran teile. Das setzt nicht voraus, dass er der katholischen Kirche beigetreten ist. Er kann das auch als evangelischer Christ, aber das trifft nur auf den Einzelnen zu. Der zweite Teil der Antwort lautet: Wenn wir gemeinsam als Kirchen Eucharistie feiern wollen, dann müssen wir die schwerwiegenden Fragen Amt, Kirche, Eucharistie geklärt haben. Das ist im Sinne der Einheit und der Symbolik der Einheit zwingend erforderlich. Sind die nicht geklärt, können die Kirchen nicht gemeinsam Eucharistie feiern. Das sind nun zwei Teilantworten, die zusammengehören, aber auch nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Für die Menschen gilt, wenn sie den Glauben an der Eucharistie teilen, dann ist durchaus ein Grund dafür gegeben, dass sie an der Eucharistie teilhaben können. Das gilt nicht für die Kirchen als Ganze, aber für den Einzelnen.

Konfessionsverschiedenheit ist mittlerweile Normalität und spielt im Alltag für viele keine Rolle mehr. Ist heute die Konfession egal?

Wolfgang Thönissen: Konfession geht zurück auf das lateinische „confessio“. „Bekenntnis“ ist etwas Gutes. Ich bekenne mich zu Jesus Christus. Also ist jeder Christ ein bekennender Christ, indem er seinen Glauben bekennt. Daraus hat sich dann ein weiteres Verständnis von Konfession entwickelt, so dass wir identifizierbare, von außen erkennbare Kirchenkörper oder Kirchentümer erkennen können. Die sind dann unterschiedlich geprägt: die einen mehr durch die Frömmigkeit, die anderen mehr durch ethisches Handeln. Das sind alles ganz unterschiedliche Prägungen, die als verschiedene Kirchentümer wahrgenommen wurden. Daraus hat sich letztlich ein Konfessionalismus entwickelt als ein absolutes Gegeneinander mit Verurteilungen und Verteufelungen. Auch heute bleibt das Christentum im Kern konfessorisch, bekennend, was uns alle zu konfessorischen Christen macht. Aber deswegen müssen wir uns nicht gegenseitig verurteilen und verdammen. Wir müssen den Konfessionalismus überwinden. Dann kann der eine eher ein liturgisch-frommes Leben führen, ein anderer aktiver Christ in der Gesellschaft sein und wieder ein anderer theologisch-argumentativ stark unterwegs sein. Der Nächste hat sich wiederum ganz in seine Bibelfrömmigkeit hineinbegeben und lebt seinen Glauben aus der Heiligen Schrift. Das heißt, das Christentum hat ganz unterschiedliche Gestalten. Und dafür müssen wir dankbar sein. Das gehört zum Christentum als einer Religion, die den Einzelnen betrifft. Und jeder Einzelne unterscheidet sich vom anderen. Daraus keine Gegensätze zu machen oder alte neu entstehen zu lassen, das ist die Herausforderung der ökumenischen Bewegung, selbst wenn eine konfessionelle Gegensätzlichkeit im Alltag heute kaum mehr unmittelbar auszumachen ist.

Es gibt Stimmen, die meinen, es brauche keine Einheit in der Kirche. Was soll dann das Ziel der Ökumene sein?

Wolfgang Thönissen: Ökumene heißt immer, auf der Suche nach der Einheit der Christen in der Welt zu sein. Was wir unter Einheit verstehen, das ist eine ganz schwierige Frage. Das ist den Ökumenikern in den letzten Jahren immer klarer geworden. Eine Einheit meint sicher keine Einheitlichkeit, das meint keinen monolithischen Block von Menschen, die möglicherweise unter der Oberherrschaft eines Menschen – ich rede gar nicht vom Papst – stehen und dann ununterscheidbar das Eine darstellen. Das ist ein falsches Verständnis von Christentum. So können wir auch Einheit nicht verstehen. Wir können also keine gemeinsame oder einheitliche Struktur bilden und sagen, alle Christen gehören da hinein. Das ist falsch. So haben auch Christen noch nie gelebt. Sie waren immer unterschiedlich. Aber es bedarf Übereinstimmungen im Glauben und im Miteinander. Darüber müssen wir reden: Wie gehen wir beispielsweise mit der Heiligen Schrift um, welche alt- und neutestamentlichen Texte gehören dazu. Das war eine wichtige Frage im Altertum. Heute sind wir uns da einig. Wir müssen uns über die klassischen Fragen zu Glaube, Rechtfertigung, Eucharistie und Amt verständigen. Einzelne Fragen der Theologie, der Disziplin, der Liturgie, der Frömmigkeit oder der ethischen Haltungen können in einem zweiten Schritt folgen. Da können wir uns alle sehr unterschiedliche Positionen vorstellen. Aber an den zentralen kirchlichen Fragen müssen wir ein Grundmaß an Übereinstimmung erzielt haben, um beispielsweise gemeinsam Eucharistie feiern zu können. Ich glaube, das wichtigste Wort für Einheit ist Gemeinschaft unter den Christen.

Was erwarten Sie sich einerseits von der Theologie und andererseits vom einzelnen Christen in unserer Zeit?

Wolfgang Thönissen: Die Theologie muss Strategien entwerfen, wie wir mit den schwerwiegenden Differenzen umgehen können. Das ist für mich eine ökumenisch offene Theologie, die sich nicht nach außen apologetisch abschließt, sondern Wege für die Verständigung eröffnet. Für mich ist Theologie immer eine Theologie im Dialog, die Unterschiede mit einschließt. Ich glaube nicht, dass es das Proprium der Theologie ist, Kontroversen zu entwickeln. Sie gehören dazu und Diskussionen müssen geführt werden. Aber ich denke, im Wesentlichen müssen Christen gerade untereinander gemeinsam über Jesus Christus nachdenken und ihren Glauben argumentativ vor den Menschen vertreten. Von der Theologie wünsche ich mir Mut zu einer solchen Verständigung. Das ist das, was wir in der ökumenischen Theologie tun. Das Eigene einbringen in die Verständigung, um damit den Versuch zu starten, Differenzen zu überwinden. Dabei entsteht auch etwas sehr Schönes, nämlich dass wir Christsein in einer größeren Vielfalt, komplementär zueinander, einander ergänzend, leben können. Wie der Einzelne damit umgeht, das ist eine ganz andere Frage. Da gibt es sicher eine große Verschiedenheit. Ich könnte mir denken, dass Christen weiter den Versuch machen, klarer zu sagen, worauf es im Christentum ankommt. Dass wir da nicht tausenderlei Antworten geben, sondern versuchen, möglichst gemeinschaftlich zu sagen, was das Bekenntnis zu Jesus Christus bedeutet. Und der Einzelne könnte dazu beitragen, dass wir uns auch liturgisch noch viel näher kommen, dass wir auch gemeinsam feiern und dass wir gemeinsam in der Welt Verantwortung übernehmen. Kurz gesagt: Ich wünsche mir einfach mehr Freude am gemeinsamen Glauben.

Buchtipp:

»„Mehr als friedvoll getrennt? Ökumene nach 2017“, herausgegeben von Professor Dr. Stefan Kopp und Professor Dr. Wolfgang Thönissen in der Reihe „Theologie im Dialog“ des Herder-Verlages, ISBN: 978-3-451-37862-1.

Das Paderborner Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik

Das »Paderborner Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik ist ein Lehr- und Forschungsinstitut, das akademisch der Theologischen Fakultät Paderborn angeschlossen ist. Es beteiligt sich aktiv am ökumenischen Dialog und ist auch beratend in der praktischen Ökumene auf allen kirchlichen Ebenen tätig. Aus katholischer Sicht begleiten die Mitglieder des wissenschaftlichen Kollegiums u.a. ökumenische Gespräche und Prozesse des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, der Deutschen Bischofskonferenz und der einzelnen (Erz-)Diözesen. Die Mitarbeit in verschiedenen internationalen und nationalen Organisationen und Gremien gehören dazu.

Namensgeber des Instituts ist der Tübinger Theologe Johann Adam Möhler (1796-1838), ein Erneuerer der katholischen Theologie und Wegbereiter heutiger ökumenischer Theologie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Mit seinen beiden Werken über die „Einheit in der Kirche“ (1825) und zur „Symbolik“ (1832) begründete Möhler katholischerseits die wissenschaftliche Erforschung der Lehrunterschiede zwischen den Konfessionen und vermied dabei die damals übliche Polemik ebenso wie den dogmatischen Irenismus und bezog sich bei der Darstellung der Lehre der Reformationskirchen auf deren offizielle Bekenntnisschriften.