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„‚Aus Liebe zur Wahrheit.‘ Luthers 95 Thesen zum Ablass und ihre Kritiker – und wir?“

Montagsakademie: Professor Dieter aus Strasbourg über den Ausgangspunkt der Reformation

Professor Dr. Theodor Dieter, Leiter des Straßburger Instituts für Ökumenische Forschung, zu Gast bei der Montagsakademie im Audimax der Theologischen Fakultät Paderborn. | Foto: ThF-PB
Professor Dr. Theodor Dieter, Leiter des Straßburger Instituts für Ökumenische Forschung, zu Gast bei der Montagsakademie im Audimax der Theologischen Fakultät Paderborn. | Foto: ThF-PB

Mit seinem Vortrag am Montagabend, 16. Januar, im Auditorium Maximum der Theologischen Fakultät Paderborn hat der evangelische Theologieprofessor Dr. Theodor Dieter, Leiter des Straßburger Instituts für Ökumenische Forschung, mit den Gästen der Montagsakademie Luthers 95 Thesen von 1517 in den Blick genommen und damit den Ausgangspunkt der Reformation näher beleuchtet. Es war die elfte Vorlesung mit anschließender Diskussion im Rahmen der öffentlichen Vorlesungsreihe in diesem Wintersemester unter der Überschrift „Ökumene 2017: Grundlagen, Wege und Visionen“.

„Merkwürdigerweise ist der Inhalt der Thesen auch im Jubiläumsjahr nur wenigen bekannt, abgesehen von ein paar Spitzensätzen, die jedoch meist nicht das Entscheidende betreffen“, sagte Professor Dieter, der in seinem Vortrag anschaulich die Rolle der Ablässe im Bußgeschehen sowohl in der mittelalterlichen Konzeption wie in der Wahrnehmung Martin Luthers darstellte. Im Mittelpunkt stehe das Verständnis der Sündenstrafe. Nach traditioneller Auffassung fordere die Gerechtigkeit Gottes für jede Sünde, deren Schuld bereits vergeben sei, eine bestimmte zeitliche Strafe, die es in den Werken der Genugtuung abzuleisten gelte, erklärte der evangelische Theologe. „Neben dieser Straffunktion haben die Sündenstrafen aber auch eine heilende Funktion für den Sünder; der Neigung zur Sünde soll entgegengewirkt werden.“

Luther hätte die Sündenstrafen ganz auf ihre heilende Funktion beschränkt; in der Heiligen Schrift habe sich ihm ein neues Verständnis der Gerechtigkeit Gottes erschlossen, sagte Professor Dieter. „Das korrespondiert mit seiner Auffassung davon, wie die Vergebung der Schuld im Sünder ankommt und in ihm gegenwärtig ist.“ Die Kritik von Luthers Gegnern mache deutlich, wie sehr die traditionelle Ablasslehre und -praxis an der Annahme von Sündenstrafen – in ihrer Straffunktion – hänge. „Wenn heute jedoch diese Strafen vornehmlich als innere Konsequenzen der Sünden verstanden werden, denen sich die Menschen in den Bußwerken zu stellen haben, dann kommt diese Auffassung Luthers Verständnis der Buße erstaunlich nahe.“

Darauf gebe aber der Ablass in seiner traditionellen Fassung keine Antwort, weil sein Ansatz ein anderer sei, betonte Professor Dieter. Deshalb solle die Katholische Kirche heute im Blick auf das Ringen mit den Folgen der Sünden den Begriff „Ablass“ und seine traditionelle Praxis aufgeben und auch in einem Jubiläumsjahr nicht von „Ablass“ sprechen. Damit werde nur Verwirrung gestiftet, weil die alte Konzeption des Ablasses nicht zu der neuen Konzeption der Sündenstrafe passe. Neuen Wein solle man nicht in alte Schläuche füllen.

Nächster Termin in der Reihe Montagsakademie:

Montag, 23. Januar 2017, 18.00 Uhr: „Unverfügbar. Theologische Begründungen der menschenwürde und ihre konfessionellen Prägungen.“ Professor Dr. Jochen Schmidt, Paderborn.