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Theologische Fakultät Paderborn . Kamp 6 . 33098 Paderborn . Tel.: 05251 121 6

1000 Jahre Bartholomäuskapelle

Sie gilt als die "älteste Hallenkirche nördlich der Alpen" und stellt im Schatten des Paderborner Domes ein ganz besonderes Juwel dar: die Bartholomäuskapelle. Anlässlich ihres 1000-jährigen Bestehens veranstaltet das Metropolitankapitel am Hohen Dom zu Paderborn in Kooperation mit der Theologischen Fakultät Paderborn vom 4. bis 6. Oktober 2017 eine wissenschaftliche Tagung zur Geschichte der Bartholomäuskapelle. Behandelt werden ebenso archäologische, byzantinische, (kunst-)historische, kirchengeschichtliche und liturgische Aspekte wie denkmalpflegerische Maßnahmen. Außerdem werden bautechnische, physikalische/chemische, geologische, akustische, Hightech-Untersuchungen (mit der Synchrotronstrahlung), Vermessungs- und neueste Dokumentationsmethoden bis hin zu aktuellen Fragestellungen der Hallenkirchenentwicklung in Europa vorgestellt und diskutiert.

Auf der erstmaligen interdisziplinären Tagung werden nicht nur intensiv diese Fragen aus verschiedenen Perspektiven behandelt, sondern es werden weitere neueste Erkenntnisse zur gotischen Hallenkirchenforschung in Deutschland und Europa erörtert. Daher verspricht die Tagung spannende Ergebnisse und Diskussionen, die anschließend in einem "Erträgeband" veröffentlicht werden.

Die Bartholomäuskapelle ist das einzige bis heute nahezu unzerstörte Gebäude des Bischofs Meinwerk. Nicht nur innerhalb der westfälischen Sakralbaulandschaft, sondern auch in der überregionalen ottonischen Architekturgeschichte nimmt die Bartholomäuskapelle eine herausragende Stellung ein. Die Bartholomäuskapelle steht seit fast zweihundert Jahren im Fokus der Forschung und gilt als die "älteste Hallenkirche nördlich der Alpen". Besonders die Frage nach den byzantinischen Vorbildern der Bartholomäuskapelle und damit nach der Herkunft der griechischen Handwerker, die in der Vita Meinwerci genannt werden als „Grecos Operarios“, hat die Forschung seit dem 19. Jahrhundert beschäftigt.

Die Tagung findet statt mit freundlicher Unterstützung des Erzbistums Paderborn, der Stadt Paderborn, des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abt. Paderborn e.V., der kefb - katholische Erwachsenen- und Familienbildung im Erzbistum Paderborn und der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen.

Aufgrund der begrenzten Teilnehmerzahl können sich alle Interessenten bis zum 15. September 2017 im Sekretariat der Theologischen Fakultät Paderborn per »E-Mail oder telefonisch unter 05251 121 701 zur Tagung anmelden. Weitere Informationen sind der Seite »www.behuetetundbedacht.de zu entnehmen.

Tagungsprogramm

4. Oktober 2017
5. Oktober 2017
6. Oktober 2017

Eröffnung

14.00 Uhr, Auditorium Maximum der Theologische Fakultät Paderborn

Begrüßung

Dompropst Monsignore Joachim Göbel, Metropolitankapitel Paderborn
Prof. Dr. Rüdiger Althaus, Rektor der Theologischen Fakultät Paderborn
Grußwort der Stadt Paderborn

Einführung und Tagungsleitung

Dr. Norbert Börste, Paderborn

I. Die Bartholomäuskapelle im Lichte neuester Forschung

1. SEKTION: GESCHICHTE, DATIERUNG, HERKUNFT, FUNKTION, NUTZUNG, BEZIEHUNGEN, ABLEITUNGEN UND FRAGEN ZUR BARTHOLOMÄUSKAPELLE

Moderation: Prof. Dr. Lioba Theis, Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien

15.00 -15.30
Prof. Dr. Manfred Balzer, Münster
Erbauungszeit - Patrozinium - Funktionen. Die Bartholomäuskapelle nach den mittelalterlichen Schriftzeugnissen

Bischof Meinwerk (1009 - 1036) war geprägt durch die Erfahrungen seines ersten Romaufenthaltes im Jahre 1000 mit dem Hof Ottos III. und von den Kontakten des Kaisers zum Kloster SS. Bonifacio ed Alessio auf dem Aventin, das enge Beziehungen zum griechischen Mönchtum pflegte und durch seinen Abt Leo die Alexiusverehrung propagierte. Im Frühjahr hatte der Kaiser in Benevent Reliquien des Apostels Bartholomäus erhalten und in seine Gründung S. Bartolomeo all'Isola in Rom übertragen. Vor diesem Hintergrund sind der Plan, in Paderborn ein Alexiuskloster zu errichten, die Herkunft der griechischen Bauleute und die Wahl des Patrons der Bartholomäuskapelle zu erklären. Deren Erbauung ist zwar nicht exakt in das Jahr 1017 datierbar, sie dürfte aber doch in die zweite Dekade des 11. Jahrhunderts gehören und wichtige Funktionen für die Herrscherliturgie erfüllt haben.

15.30-16.00
Dr. Sveva Gai, LWL Stadtarchäologie Paderborn
Zur archäologischen Topographie der Kapelle - Überlegungen zur Datierung und die Einbettung der Kapelle in die Pfalzanlage

Die archäologischen Untersuchungen der Pfalzenbauten, die in den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts durchgeführt worden sind, haben die ursprüngliche Funktion der bei den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs als einziges Bestandteil der ottonisch-salischen Pfalz erhalten gebliebenen Kapelle, der Bartholomäuskapelle, wieder deutlich werden lassen. Die Kapelle bildete den südlichen Abschluss des annähernd rechtwinkelig zur Aula liegenden Nord-Süd-Traktes, der als Wohntrakt der unter König Heinrich II. errichteten Pfalz interpretiert worden ist. Die Auswertung der Grabungsdokumentation, die auch Bereiche innerhalb der Kapelle und ihrer später errichteten Vorhalle betraf, wirft spannende Einblicke auf die Gesamtgestaltung der Anlage. Aula, Wohntrakt und Bartholomäuskapelle kristallisieren sich gemeinsam als Bestandteile eines in einem einzelnen Bauabschnitt zu Beginn des 11. Jahrhunderts errichteter Bau heraus, dessen späteren Phasen bis in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts nur durch nicht tief in die Substanz eingreifende Umbauten charakterisiert sind. Eine neue Betrachtung der existierenden Schriftquellen, insbesondere der Vita Meinwerci, lässt auch neue Elemente berücksichtigen, die die Datierung dieses Baus im Jahre 1017 in Frage stellen.

16.00 -16.10
Pause

16.10 -16.40
Prof. Dr. Johann Josef Böker, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Fakultät für Architektur
Per Graecos Operarios" und die byzantinischen Vorbilder der Bartholomäuskapelle

Die Frage nach den byzantinischen Vorbildern der Bartholomäuskapelle und damit nach der Herkunft jener griechischen Handwerker, die die Vita Meinwerci nennt, hat die architekturgeschichtliche Forschung seit dem 19. Jahrhundert beschäftigt – meist erfolglos, da man im modernen Verständnis von bautypologischen Gegebenheiten ausgegangen war, ohne das gänzlich andersartige Rezeptionsverständnis des frühen Mittelalters zugrunde zu legen. Gehen wir von der Nachricht aus, dass Bischof Meinwerk nach Jerusalem geschickt habe, um die Maße der Grabeskirche zu erfahren, so gibt dieses einen Hinweis auf die Kriterien, die für die Wahl des konkreten byzantinischen Bauwerks maßgeblich waren.

16.30 -17.00
Diskussion

Hörsaal 2
9.00 – 9.30
Prof. Dr. Michael Grünbart, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Institut für Byzantinistik und Neogräzistik
Byzantinisch-westfälische Verflechtungen um das Jahr 1000

Die in der Vita Meinwerci überlieferte Angabe, dass griechische Bauleute die Bartholomäuskapelle in Paderborn errichteten, liefert ein Schlaglicht auf die Beziehungen zwischen byzantinisch geprägten und nördlich der Alpen gelegenen Regionen im mittelalterlichen Europa. Im Rahmen des Beitrages werden Spuren der Verflechtung (z.B. Sprachkontakt, kulturelle Einflüsse, Herrschaftsvorstellung) in einem größeren Kontext untersucht, die sich - gerade für die Zeit um 1000 - im rheinischen und westfälischen Raum fassen lassen.

9.30 – 10.00
Prof. Dr. Michael Altripp, Universität Greifswald
„Byzantiner“ und „byzantinischer Stil“ oder die Frage, ob „Byzantiner“ auch anders konnten

Der Frage nach den „griechischen Bauleuten“ und dem möglichen byzantinischen Einfluss lag bislang die Vorstellung zugrunde, dass „Griechen“ immer im byzantinischen und „Lateiner“ immer im westlichen Stil gearbeitet hätten. Auch wenn das anhand der Denkmäler für die „Griechen“ schwer nachzuvollziehen ist, sollte zukünftig stärker bedacht werden, dass auch Griechen im westlichen Stil gemalt oder gebaut, so wie auch die Kreuzfahrer sich auf erstaunliche Weise des byzantinischen Stils bedient haben. Vor diesem Hintergrund entschärft sich der Druck, die Ethnizität der „griechischen“ Bauleute mit einem vermeintlichen byzantinischen Einfluss bei der Bartholomäus-Kapelle zusammensehen zu müssen.

10.00 – 10.10
Pause

10.10 – 10.40
Dr. Sebastian Storz, Forum für Baukultur e.V. Dresden
Die Hänge- bzw. Stutzkuppeln der Bartholomäuskapelle zu Paderborn.

Die Bartholomäuskapelle zu Paderborn zeichnet sich durch ein besonderes Raumbild aus, das die mittelalterlichen Baumeister durch die Verschmelzung von zwei verschiedenen Bautypen geschaffen haben: die Kapelle folgt im Grundriss dem Schema einer herkömmlichen dreischiffigen Basilika und im Aufgehenden zeigt sie die Gestalt einer kleinen Hallenkirche. Eine weitere architektonische Besonderheit, welche Beachtung verdient, besteht darin, dass jedes der Joche in den drei Schiffen eigens mit einer Stutzkuppel (auch Hängekuppel genannt) überwölbt wurde. Die Verwendung dieses Kuppeltypus in diesem Gebäude bedeutet eine bauhistorische Rarität für den mittelalterlichen Kirchenbau im deutschen Raum. Die Tagung zum 1000 jährigen Jubiläum der Bartholomäuskapelle soll die Möglichkeit bieten, die Stereometrie dieses Gewölbetypus sowie seine Raum bildenden Gestaltungsmöglichkeiten eingehend zu betrachten und den heutigen, allerdings noch lückenhaften Erkenntnisstand zur Herkunft und Entwicklungsgeschichte der Stutzkuppel darzulegen. Mit diesem Beitrag soll der Versuch unternommen werden, die bauhistorische Bedeutung der mittelalterlichen Einwölbung der Bartholomäuskapelle besser zu ermessen.

10.40 – 11.10
Prof. Dr. Jürg Goll, Unesco Welterbe Kloster St. Johann in Müstair, Archäologischer Dienst Graubünden / Amt für Kultur
„Müstair, Ulrichs- und Niklauskapelle: Baugeschichte - Bauweise – Baudekor

Ein zeitnahes Beispiel zur Bartholomäuskapelle stellt die Ulrichs- und Niklauskapelle im Kloster Müstair dar, ein zwischen 1035 und 1070 gewachsener Bau, dessen Baugenese aktuell erforscht worden ist. Sie ist eine herrschaftliche Doppelkapelle innerhalb der damaligen bischöflichen Nebenresidenz und hat phantastischen Baudekor. Durch neueste Untersuchungen konnte der Baufortgang und die Bautechnik eines überkuppelten Raums von/ um 1040 recht gut erfasst werden.

11.10 -12.30
Diskussion und anschließend Mittagspause

2. SEKTION: LITURGISCHE VORAUSSETZUNGEN UND NUTZUNG DER BARTHOLOMÄUSKAPELLE IN PADERBORN VOM MITTELALTER BIS HEUTE

Moderation: Prof. Dr. Josef Meyer zu Schlochtern, Theologische Fakultät Paderborn

12.30 -13.00
Prof. Dr. Albert Gerhards, Seminar für Liturgiewissenschaft, Kath.-Theol. Fakultät, Universität Bonn
Die Bartholomäuskapelle – ein mittelalterlicher Hybridraum? Überlegungen zum Konzept des Sakralen

Die frühe Nutzungsgeschichte der Bartholomäuskapelle ist ungewiss und lässt ich aus den bisher bekannten Quellen nicht eindeutig rekonstruieren. Dennoch liegen Erkenntnisse über Schwellenräume zwischen Sakral und Profan ("Hybridräume") vor, die zum Verständnis der Gründe für die Errichtung und der ursprünglichen Funktion der Bartholomäuskapelle beitragen können.

13.00 – 13.30
Joachim Werz, Mag. Theol., M.A., Universität Tübingen, Mittlere und Neuere Kirchengeschichte (MNKG)
Die Bartholomäuskapelle als Ort konfessioneller Wissensvermittlung (1580–1650) – Versuch einer Rekonstruktion

Im Jahr 1591 übertrug Fürstbischof Dietrich von Fürstenberg das Benefizium der Bartholomäuskapelle den Jesuiten, wodurch sie auch dort liturgische und seelsorgerliche Aufgaben ausübten. Vor allem durch Predigt und Theater wollten die Jesuiten die Gläubigen in ihrer Konfession bilden und Wissen über Glauben, Moral und religiöse Praxis vermitteln. Durch die inhaltliche Auswertung des Bibliothekkatalogs der Jesuiten und der in Paderborn aufgeführten Jesuitenschauspiele soll eine Rekonstruktion versucht werden, die ermöglicht, die Bartholomäuskapelle als einen von den Jesuiten genutzten, zentralen Ort konfessioneller Wissensvermittlung zu begreifen.

13.30 - 14.00
Prof. Dr. Hermann-Josef Schmalor, Honorarprofessor, Theologische Fakultät Paderborn, Erzbischöfliche Akademische Bibliothek Paderborn
Die Nutzungsgeschichte der Bartholomäuskapelle nach der Zeit der Jesuiten

Der Vortrag bezieht sich mit einem kleinen Rückblick ins späte Mittelalter vor allem auf die Nutzungesgeschichte nach der Zeit, als die Kapelle von den Jesuiten genutzt wurde, die dort auch noch Gottesdienste gefeiert hatten. Ab 1773 wurde es ruhig um die Kapelle. Die letzte Messe wurde 1806 gelesen, danach trat der Verfall ein, der im 19. Jahrhundert immer wieder durch Renovierungsarbeiten unterbrochen wurde. Franz Joseph Brand und Wilhelm Engelbert Giefers erwähnen in ihren Schriften den ruinösen Zustand der Kapelle. Erst als Johanna Pelizäus mit ihren Schülerinnen ab 1862 um die Abhaltung von Gottesdiensten dort bat, scheint der Verfall geendet zu haben. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts diente sie der bündischen Jugend zu liturgischen Feiern im Geiste der aufkommenden liturgischen Reform.

14.00 – 14.30
Pause

14.30 – 15.00
Prof. Dr. Stefan Kopp, Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft, Theologischen Fakultät Paderborn
Die Liturgische Bewegung in Paderborn. Zur gottesdienstlichen Nutzung der Bartholomäuskapelle in den 1920er Jahren

In den 1920er Jahren sprach Romano Guardini davon, dass die Kirche in den Seelen erwache. Diese Bewegung des biblischen und liturgischen Aufbruchs hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf allen kirchlichen Ebenen einen Prozess der Verlebendigung in Kirche und Liturgie in Gang gesetzt, der die Kirche in den folgenden Jahrzehnten auf einen fruchtbaren Erneuerungsweg führte. Der Beitrag von Stefan Kopp untersucht vor diesem Hintergrund die Ansätze und Initiativen der Liturgischen Bewegung in Paderborn mit besonderer Berücksichtigung der liturgischen Nutzung der Bartholomäuskapelle zu dieser Zeit.

15.00 – 15.30
Prof. Dr. Josef Meyer zu Schlochtern, Lehrstuhl Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft, Theologische Fakultät Paderborn
Kunstinstallationen in der Bartholomäuskapelle – eine sinnvolle Nutzungsidee?

Im Zuge der Umnutzung von nicht mehr benötigten Kirchenräumen werden einige Kirchen für die Präsentation von Kunst verwendet. Sollte die Bartholomäuskapelle für diesen Zweck freigegeben werden? Der Vortrag berichtet über einige Kunstinstallationen und erörtert die Frage der Nutzung aus theologischer Sicht.

15.30 – 16.00
Diskussion

19.00
Öffentlicher Abendvortrag, Auditorium Maximum der Theologischen Fakultät Paderborn
in Zusammenarbeit mit dem Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abt. Paderborn e.V.

Prof. Dr. Klaus Niehr, Universität Osnabrück, Kunsthistorisches Institut
„Rom – Pienza – Paderborn. Die Physiognomie der Hallenkirche: Wahrnehmung und Interpretation“

Als wichtiges, im Mittelalter wie in der Neuzeit häufig benutztes Baukonzept wird die Hallenkirche zu einem Medium der Selbstdarstellung, aber auch der Reflexion über Ästhetik und nationale Kunst. Diese einzigartige Situation legt es nahe, die ideologische Besetzung von Bauform und Begriff zu beleuchten und deren politische Bedeutung in ausgewählten Stationen zu demonstrieren. Die Schwerpunkte liegen dabei auf der Zeit um 1500 und im 19. Jahrhundert, als mit neuem wissenschaftlichen Zugang zur Geschichte historische Kunst eine Ausdeutung erfährt, die teilweise bis zum heutigen Tag nachlebt.

3. SEKTION: DENKMALPFLEGE UND NEUE UNTERSUCHUNGSMETHODEN DER BARTHOLOMÄUSKAPELLE

Moderation: Dr. Holger Mertens, Landeskonservator Westfalen-Lippe, Landschaftsverband Westfalen-Lippe LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen

Hörsaal 2
9.00 -9.30
Dr. Michael Huyer, LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen
Zur Restaurierungsgeschichte der Bartholomäuskapelle im 19. und 20. Jahrhundert

Der Vortrag beschäftigt sich mit den denkmalpflegerischen Aktivitäten an der Bartholomäuskapelle. Diese setzen bereits in den 1820er Jahren ein und können gleichsam als ein Startpunkt der Denkmalpflege in Westfalen gesehen werden. An den verschiedenen erhaltungs- und gestaltungsorientierten Maßnahmen des 19. und 20. Jahrhunderts lässt sich der jeweils zeitgebundene Umgang mit der Kapelle verdeutlichen. Einen Schwerpunkt werden die Restaurierungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen aus der Mitte der 1950er Jahre bilden. Diese prägen die Erscheinung des Bauwerks bis heute in erheblichem Maße mit.

9.30 – 10.00
Prof. Dr.-Ing. Norbert Schöndeling und Dipl.- Ing. Jost Broser, Technische Hochschule Köln / Fakultät für Architektur
Dokumentationsmethode durch Laserscanning und SFM-Verfahren bei der Vermessung der Bartholomäuskapelle

Die flächenhafte Vermessung der Bausubstanz durch 3D-Laserscanning stellt die zurzeit beste Möglichkeit dar, komplexe Strukturen, insbesondere Rundungen, maßgenau zu erfassen. Grundsätzlich lassen sich auch SfM (Structure from Motion) -Verfahren hierfür nutzen, allerdings müssen die Oberflächen entsprechend stark strukturiert sein, damit brauchbare Ergebnisse erzielt werden können. Die Bartholomäuskapelle wurde vollständig gescannt und die Fassaden zusätzlich mit SfM erfasst. Das hieraus generierte 3D-Modell verbindet die hohe Präzision des Laserscannings mit der Darstellungsqualität der SfM-Verfahren.
Das dreidimensionale, verformungsgetreue virtuelle Modell ergibt eine hervorragende Grundlage für die Erkennung statischer Probleme und eine Schadenskartierung, aber auch für die Untersuchung der dem Bauwerk zugrunde liegenden geometrischen Konstruktion.

10.10 – 10.20
Pause

10.20 – 10.40
Prof. Dr. Peter Lieblang, Institut für Energieeffiziente Architektur, Technische Hochschule Köln / Fakultät für Architektur und Dr. Ekkehard Kandler, Technische Hochschule Köln / Fakultät für Architektur, Institut für Baugeschichte und Denkmalpflege
Funktion und Form – die Akustik als wichtige Komponente für die Ausbildung von Gewölbeformen frühromanischer Sakralbauten

Vor dem Hintergrund des Dualismus von „Funktion und Form“ wird der Frage nachgegangen, ob die Entwicklung der Gewölbeformen in frühromanischen Sakralbauten von raumakustischen Parametern beeinflusst worden sein könnte. Ansatzpunkt hierfür sind besondere Gewölbelösungen, im vorliegenden Fall konkret die der Bartholomäuskapelle in Paderborn sowie die des Vergleichsobjektes Myrelaion /Bodrum Mesih Paşa Camii in Istanbul. Neben den unstrittigen Anforderungen an Statik, Belichtung und ästhetischen Vorstellungen könnte auch die Raumakustik eine entwurfsbestimmende Bedeutung gehabt haben. Gesang als wesentlicher Bestandteil der Liturgie konnte nur durch eine gute Akustik im gebauten Raum zur Entfaltung kommen, so dass gewollte Wechselwirkungen zwischen Liturgie und akustischen Effekten naheliegend erscheinen.

10.40 – 11.00
Diskussion/Kaffeepause

11.00 – 11.30
Prof. Dr. Josef Hormes, Physikalisches Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität Bonn
Center for Advanced Microstructures and Devices (CAMD), Louisiana State University, USA
High Tech” Untersuchungen mit der Synchrotronstrahlung an historischen Baumaterialien aus dem Paderborner Dom

Bei der Arbeit mit historischen Baumaterialien (z.B. Gläser, Kacheln, Ziegeln, Mörtel), ergeben sich in der Regel die folgenden Fragen: 1. Wo kommen die Materialien, die zur Herstellung verwendet wurden, her? 2. Welche Techniken wurden bei der Herstellung/Verarbeitung der Baumaterialien verwendet? 3. Welches ist das beste/schonendste Verfahren zur Reinigung, Restaurierung und Konservierung der Materialien? Ausgangspunkt für die Beantwortung der ersten Frage ist die Annahme, dass die Elementzusammensetzung des Materials ein eindeutiger „Fingerabdruck“ für eine bestimmte Herkunft der Rohmaterialien darstellt. Für die Beantwortung der zweiten Frage braucht man i.a. zusätzliche Informationen über den chemischen Zustand der Elemente in den Materialien. Die Kombination der Informationen, die zur Beantwortung der Fragen 1 und 2 notwendig sind, gibt dann oft Hinweise auf geeignete Restaurierungs/ Konservierungsverfahren. Die hier vorgestellten Untersuchungen wurden mit der „Synchrotronstrahlung“ durchgeführt. Dies ist die „elektromagnetischen Strahlung“, die von den Elektronen in Hochenergie-Kreisbeschleunigern abgestrahlt wird. Hauptsächlich zwei Techniken wurden für die hier vorgestellten Untersuchungen eingesetzt: • Synchrotronstrahlungsangeregte Röntgenfluoreszenz (SR-XRF) und • Röntgenabsorptionsspektroskopie und hier insbesondere „X-ray absorption near edge structure“ (XANES) Spektroskopie. Es werden Untersuchungen vorgestellt, die hauptsächlich an Baumaterialien aus dem Paderborner Dom durchgeführt wurden. Untersucht wurden neben Mörtel- und Glasproben auch Schiefer und Alabasterproben.

11.30 – 12.00
Ulrich Kaplan, Gütersloh
Die Naturbausteine der Bartholomäuskapelle

Mit einer geologischen Bauwerkskartierung werden die Naturbausteine der Bartholomäuskapelle systematisch erfasst. Die Masse des Mauerwerks besteht aus Mergelkalksteinen der Paderborner Hochfläche, die zum größten Teil bauwerksnah gewonnen wurden. Eckquader, Säulen, Säulenbasen sowie Kapitelle wurden aus Osning-Sandstein des Eggegebirges gefertigt. Die Maße einzelner Werkstücke und lagerstättengeologischen Verhältnisse legen eine systematische Prospektion nahe. Für Bögen und Kuppeln wurde ein Mischmauerwerk aus Mergelkalksteinen und Sinterkalksteinen aus Salzkotten verwandt. Der Einsatz der Naturbausteine entspricht dem kontemporärer Bauten in Paderborn.

12.00 – 12.30
Prof. Burkhard Freitag, Lehrstuhl für Informationsmanagement, Institut für Informationssysteme und Softwaretechnik (IFIS),Universität Passau
Struktur und Kontext - Digitale Modellierung historischer Bauwerke

Die Repräsentation historischer Bauwerke mit Hilfe digitaler Verfahren bietet neben der Erfassung der eigentlichen Bauwerksstruktur die Möglichkeit einer reichhaltigen semantischen Beschreibung des betrachteten Objekts. So tragen kunst- und architekturgeschichtliche Erkenntnisse, seine Bau- und Nutzungsgeschichte, Aspekte der Bauforschung, für das Bauwerk wichtige Persönlichkeiten, verwendete Materialien und viele weitere Eigenschaften zu einem umfassenden Bild des Bauwerks bei. Künftig wird zusätzlich die Vernetzbarkeit und Interoperabilität mit anderen Informationsquellen an Bedeutung gewinnen. Der Vortrag erläutert die Möglichkeiten der digitalen Repräsentation von Struktur und Kontext historischer Bauwerke beispielhaft anhand des MonArch Systems, das seit Jahren an vielen Stellen eingesetzt wird.

12.30 -13.00
Diskussion

13.00 -13.30
Mittagspause

II. Aktuelle Untersuchungen zu Hallenkirchen

4. SEKTION: KUNSTGESCHICHTLICHE FRAGEN ZUR HALLENKIRCHENENTWICKLUNG UND GOTIKREZEPTION

Moderation: Prof. Dr. Christoph Stiegemann, Diözesanmuseum Paderborn

13.30 - 14.00
Prof. Dr. Uwe Lobbedey, Münster
Die ehemalige Klosterkirche in Rumbeck, eine frühe westfälische Hallenkirche

Die heutige Pfarrkirche St. Nikolaus war die Kirche des Klosters der Prämonstratenser-Nonnen, das 1191 vom Kloster Wedinghausen aus gegründet wurde. Ihre Bauzeit war lange unbekannt, bis bei der letzten Restaurierung eine Datierung des Dachwerks auf das Jahr 1205 gelang. Der einheitliche Bau ist eine dreischiffige Halle von fünf Jochen ohne Chor und Westturm, die von sich kreuzenden Tonnen mit horizontalen Scheiteln überdeckt wird. Sie unterscheidet sich damit von allen bekannten westfälischen Hallenkirchen und sticht durch ihre frühe Zeitstellung hervor.

14.00 -14.30
Prof. Dr. Marc Carel Schurr, Universität Straßburg
Die französische Gotik und die deutschen Hallenkirchen des 13. und 14. Jahrhunderts

Schon lange hat die kunsthistorische Forschung die stilistischen Verbindungen zwischen der ersten Hallenkirche der deutschen Gotik, der Marburger Elisabethkirche, und ihren französischen Vorbildern herausgestellt. Die Kathedralen von Reims und von Toul waren für die Einzelformen maßgeblich, nicht aber für die Wahl der Hallenform. Lagen die Gründe dafür im ästhetischen oder im funktionellen Bereich? Und wie positionieren sich andere wichtige Hallenkirchen der deutschen Gotik, von St. Thomas in Straßburg bis zum Schwäbisch Gmünder Heiligkreuzmünster im Spannungsfeld zwischen überregionalen, meist aus Frankreich herrührenden Einflüssen und lokalen Gegebenheiten?

14.30 – 15.00
Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Kurmann, Pieterlen, Schweiz
Gotikrezeption und Heiligenkult. Zur Frage nach der Baugestalt von St. Elisabeth zu Marburg

Die Elisabethkirche zu Marburg ist eine der repräsentativsten Hallenkirchen der gesamten Kunstgeschichte, aber sie ist in jeder Hinsicht ein Sonderfall. Zur Zeit ihrer Entstehung stellte sie in weitem Umkreis ein stilgeschichtliches Novum dar, denn sie gehört zu den wenigen großen Bauwerken im Hl. Römischen Reich, die sich als erste vollumfänglich der Formenwelt der französischen Hochgotik verpflichteten. Dennoch wäre es müßig, in Frankreich nach einem Vorbild in bautypologischer Hinsicht zu suchen. Die in Marburg erfolgte Zusammenfügung einer Dreiknochenanlage und eines Hallenlanghauses ist einmalig. Sie lässt sich durch die Funktion der Kirche als Grabes- und Wallfahrtskirche einer soeben kanonisierten Heiligen erklären. Es gilt, diese alten Erkenntnisse unter neuen Gesichtspunkten zu betrachten.

15.00 -15.30
Diskussion / Pause

15.30- 16.00
Prof. Dr. Stefan Bürger, Institut für Kunstgeschichte, Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Problem Typus ‚Hallenkirche“

Die im Titel verwendeten Begriffe lassen sich durch Interpunktion unterschiedlich ins Verhältnis setzen: Problem: Typus „Hallenkirche“. / Problem: „Typus-Hallenkirche“. / Problem-Typus: „Hallenkirche“. Schon diese Möglichkeiten verweisen schlaglichtartig auf eine problematische Forschungssituation, denn es besteht keine Einigkeit darin, ob das Problem durch die nur schwer begreifbaren Formgebungen und Raumkonzeptionen der Hallenkirchen oder doch methodisch nur durch schwer fassbare Kriterien der Betrachtung und deren Kategorisierung verursacht wurden und werden oder das Problem erst durch eine fehlgehende Zuordnung von Raumformen und Begrifflichkeiten entstanden ist. Der Beitrag unternimmt einen Lösungsversuch.

16.00 -16.30
Prof. Dr. Leonhard Helten, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas
Das Langhaus des Paderborner Domes. Zu den Voraussetzungen des Hallenquerschnitts

Warum werden in einem Kirchenbau Mittelschiff und Seitenschiffe auf eine gemeinsame Höhe geführt? In diesem Vortrag wird dargelegt, dass in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts im Dom zu Paderborn wie in den Domen zu Meißen und Minden der Hallenquerschnitt nicht bestimmten Raumvorstellungen folgte, sondern einem neuen Formenvokabular des Aufrißsystems.

16.30 -17.00
Prof. Dr. Nott Caviezel, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege, Bern , Denkmalpflege und Bauen im Bestand, Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege – Institutsvorstand, Technische Universität Wien
Hallenkirchen und Stufenhallen. Überlegungen zur Schweiz als Grenzmilieu

Die wenigen gotischen Hallenkirchen in der Schweiz erbauten zugezogene Meister aus dem deutschen Sprachraum. Diesem Einfluss entzieht sich die in der Überzahl errichteten gotischen Stufenhallen. Die Vertreter dieses selbständigen Raumtyps, dem der Ruf der "unperfekten" Hallenkirche anhaftet, befinden sich vornehmlich in der Westschweiz und stehen in einer anderen Filiation, die sich aus Norditalien über die Schweiz bis in die französische Franche-Comté hinzieht. Dort endet im frühen 16. Jahrhundert die spätgotische Tradition dieser Raumform. Übers Ganze gesehen beleuchtet der Blick auf die gotischen Hallenkirchen und Stufenhallen in der Schweiz die besonderen geopolitischen Umstände eines Grenzmilieus.

17.00 -18.00
Abschlussdiskussion/Podiumsdiskussion

Dr. Norbert Börste

Tagungsleiter
Telefon: 05251 121 701

Elisabeth Temborius

Sekretariat
Telefon: 05251 121 701