Liturgiewissenschaftler Stephan Wahle zum Totengedenken im Herbst

Im Interview für das Erzbistum Paderborn sieht Professor Wahle die Kirche als „kompetente Ritualbegleiterin“

Wenn die Tage kürzer, die Bäume kahler und die Jahreszeit dunkler werden, dann beginnt auch die Zeit des Gedenkens und Erinnerns an die Verstorbenen. Vergänglichkeit, Sterben und Tod sind dann für viele ein Thema. Das ist kein Zufall, vielmehr eine Kulturfrage, sagt Professor Dr. Stephan Wahle, Lehrstuhlvertreter für Liturgiewissenschaft an unserer Fakultät, im Interview mit Benjamin Krysmann.

Dass mit Beginn des Novembers so viele Menschen bewusst an ihre lieben Verstorbenen und allgemein an die Toten denken, das ist „sicherlich kein Zufall“, sagt Professor Wahle. Der Mensch werde in dieser Zeit gleichsam dazu gedrängt. „Viele schauen zurück und ebenso voraus. Man wird sich den Grundfragen des Lebens stärker bewusst.“ Die unbeschwerte warme Jahreszeit im Freien sei vorbei, es wird heimeliger und ruhiger, „weil es auch im Alltag um uns herum stiller wird“, erklärt der Theologe. Darum passe die entsprechende Festkultur zum Beispiel von Allerheiligen (1. November) und Allerseelen (2. November) genau in diese Zeit.

Sicherlich habe es auch historische Argumente dafür gegeben, warum die beiden Feiertage entstanden sind, gibt der Liturgiewissenschaftler zu bedenken. Das sei aber gar nicht so sehr der ausschlaggebende Grund dafür, dass sich in diesen Breitengraden der November bis heute zu einem solchen Gedenk- und Trauermonat entwickelt habe. „Das liegt schlicht und einfach daran, dass die natürliche Umgebung den Menschen zu den Fragen von Tod und Vergänglichkeit hinführt und erst damit solche Feiertage und Feste entstehen können, vielleicht sogar entstehen mussten“, betont Professor Wahle.

Sterben und Tod heute wieder häufiger Thema

Von einer gesellschaftlichen Tabuisierung des Themas Sterben und Tod könne aus Sicht des Liturgiewissenschaftlers heute keine Rede mehr sein. Auch über Fragen der Bestattungs- und Erinnerungskultur werde wieder häufiger öffentlich gesprochen. „Es gab einmal eine ganz starke Tendenz, dass man das alte Memento-Mori-Motiv – gedenke, dass du sterblich bist – nicht mehr hören wollte“, erklärt Professor Wahle. Auch in der Wissenschaft sei die sogenannte Verdrängungshypothese des Todes vertreten worden. „Das ist heute nicht mehr so stark gegeben.“

Stattdessen könnten schon seit geraumer Zeit gewisse Gegentendenzen beobachtet werden, nach denen der Tod wieder ins Leben hinein geholt werde. Als Beispiel nennt der Theologe die Hospizbewegung. Das Sterben und die Sterbenden werden wieder in die öffentliche Gesellschaft zurückgeholt. Daneben gebe es aber auch noch andere Orte, an denen sich die Angehörigen würdevoll von ihren Verstorbenen verabschieden können. „Bestattungshäuser richten beispielsweise eigene öffentliche Räume zum Abschiednehmen ein, im Unterschied zu manchmal eher dunklen, muffigen Trauerhallen auf Friedhöfen.“

Trotzdem komme es heute zunehmend vor, dass Menschen immer seltener an die Vergänglichkeit des Lebens denken. „Der Gedanke, dass jeder Tag der letzte sein könnte, ist für viele nicht mehr so selbstverständlich“, sagt Professor Wahle. Verwundern brauche das allerdings nicht. Denn was wäre das für ein Leben, wenn es nur als ständiger Vorlauf in den Tod gelebt würde. „Gerade nach christlichem Glauben dürfen wir mit Zuversicht das Leben führen. Jeder Tag ist im Grunde ein Hoffnungstag, ein österlicher Tag. Der kann natürlich nicht sinnvoll als stetiger Karfreitag gelebt werden.“

Wunsch nach qualitätsvoller Bestattungskultur

Was Professor Wahle deutlich auffällt, ist das bleibende Interesse der Menschen an einem würdevollen Abschied der Verstorbenen. Das drücke sich häufig in dem Wunsch nach einer qualitätsvollen Bestattungskultur aus, für die auch heute noch die Kirche als Expertin gilt. „Zwar hat die Kirche das Monopol längst verloren. Trotzdem kann sie nach wie vor auf einen großen Traditionsschatz und viele Riten zurückgreifen“, erklärt der Liturgiewissenschaftler.

Dabei seien manche Riten nicht dezidiert christlich. „Entworfen hat die Kirche sie nicht unbedingt alle selbst. Auch die frühen christlichen Bestattungsriten und bestimmte Gebete sind Übernahmen aus römischer oder jüdischer Kultur. Fast nichts ist rein christlich“, sagt Professor Wahle. Das zeige sich allein an den aus dem Jüdischen stammenden Psalmodien, die zum Charakteristikum frühchristlicher Bestattungskultur werden sollte. „Christlicherseits hat man nie eine große Klagekultur bei der Begräbnisliturgie entwickelt.“

Konkurrenz machten der Kirche heute besonders professionelle Anbieter rund um Rituale am Lebensende. „Die Kirche muss sich auf dem Markt auch als Profi immer wieder neu erweisen“, meint Professor Wahle. Selbstverständlichkeiten seien längst verloren. „Das kann die Kirche aber als Herausforderung ansehen, als eine Chance. Sie könne zum Beispiel Schätze aus der Tradition neu wahrnehmen und weiterentwickeln. Sie könne Untergegangenes neu heben und sich auf moderne oder populäre Entwicklungen einzulassen. „Ich sehe das sportlicher als nur tragisch, dass die Kirche das Deutungsmonopol verloren hat. Faktisch ist es so. Aber die Kirche bietet sich weiter mit ihren Angeboten an. Das soll sie gut machen.“

„Erinnerungssolidarität“ ist Aufgabe der Kirche

Dass die Kirche bei Fragen rund um das Thema Tod nicht mehr so stark wie früher gefragt ist, habe auch mit dem gesellschaftlichen Wandel zu tun. „Bei der Vorstellung von Auferstehung sind selbst Katholiken gar nicht mehr unbedingt so sicher, an was sie da eigentlich genau glauben“, sagt Professor Wahle. Heute pflegten die Menschen eine „stark auf das Diesseits bezogene Kultur“ und achteten weniger auf „die Heilsfürsorge für das Jenseits“. Darum seien vielleicht auch die Antworten der Kirche im Hinblick auf ihre Bestattungskultur, „nicht mehr unbedingt die Antworten auf die Fragen, die die meisten Menschen derzeit haben“.

Eine Gefahr, dass der Gesellschaft das Gedenken und Erinnern an die Verstorbenen ganz verloren gehe, sieht der Experte nicht. „Vieles hat sich gewandelt. Neue Formen wie digitale Trauerportale oder QR-Codes an Grabsteinen entstehen. Ob sie nachhaltig sein werden, wird sich zeigen“, meint Professor Wahle. Dass es irgendwann einmal keine Erinnerungskultur mehr geben könnte und die Toten „einfach nur weg“ seien könnten, davon gehe er nicht aus. „Wahrscheinlich wird es den meisten Menschen nicht ausreichen, zu sagen, ich habe mein Leben gelebt und dann ist es gut. Vielleicht lebe ich noch in den Kindern oder den eigenen Werken weiter.“

„Das Gedenken wird von vielen Menschen getragen. Das unterstützen auch die Feiertage, die es ja noch gibt und vielen auch noch stark präsent sind“, ist sich Professor Wahle sicher. Ganz gleich wie es begangen werde, „das Gedenken und Erinnern an die Verstorbenen wird zunächst vor allem im November ein Thema in der Gesellschaft bleiben“. Nur die Formen veränderten sich stetig. „Darin wird die Kirche weiterhin eine Aufgabe haben, diese Erinnerungssolidarität der Lebenden mit den Verstorbenen weiter zu bewahren. Das könnte auch eine Stärke sein.“

Kirche als kompetente Ritualbegleiterin gefragt

Dafür, dass die Kirche mit ihrem Angebot rund um Bestattung und Trauerbegleitung auch in Zukunft wahrgenommen wird, könne sie selbst aus Sicht des Liturgiewissenschaftlers einiges tun. Zum Beispiel gebe es inzwischen an immer mehr Orten spezielle Begräbnisdienste, die von Klerikern oder Laien übernommen würden, berichtet Professor Wahle aus der Praxis. „Früher galt es als Nachbarschaftshilfe. Heute kann es zum Selbstverständnis von Kirchengemeinden gehören, dass bei ihnen niemand allein, still und heimlich begraben wird, sondern dass sie darin eine Aufgabe sehen oder es sich neu zur Aufgabe machen.“

Ebenso könnten Kirchengemeinden eine gemeinschaftliche Grabpflege anbieten, „damit sich niemand zu Lebzeiten darum sorgen muss“. Auch sogenannte Bruderschaften, die sich um die Bestattung von Heimat- und Mittellosen kümmern, kämen wieder neu in den Blick. Zudem könnten Kirchengemeinden als Gebetsgemeinschaften wieder häufiger Rituale pflegen wie das regelmäßige Totengedenken, „bei denen zum Beispiel einmal im Monat für alle gebetet wird, die mit einem Sozialbegräbnis bestattet wurden“. Ähnliches könne für Sternenkinder samt Begleitung der trauernden Eltern gelten. „Es gibt ein weites Feld, bei dem sich Kirchengemeinden fragen können: wie steht es eigentlich um unsere Toten?“

Als kompetente Ritualbegleiterin sollte sich die Kirche aus Sicht von Professor Wahle auch zukünftig trotz knapper werdender Ressourcen verstehen. Wenn es um Bestattungskultur, Trauerbegleitung und Totengedenken gehe, solle sich die Kirche als eine Art Dienstleistung auf die Bedarfe der Menschen professionell einlassen. Das habe auch schon das Zweite Vatikanische Konzil getan, wenn es die Kirche als einen „Dienst für alle“ begreift. Hilfreich seien „weit gefasste Grenzen“ und Offenheit, sagt Professor Wahle, auch gegenüber möglichen Formen für alle, die noch nicht der kirchlichen Gemeinschaft angehörten. „Wenn Menschen bemerken, hier ist ein Ort, hier sind Personen, die anziehend und attraktiv sind, dann ist eine solche Strahlkraft womöglich der richtige Weg“.

Text: Erzbistum Paderborn

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