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Antrittsvorlesung von Dr. theol. habil. Matthias Laarmann

Venia legendi für Dogmengeschichte erteilt

Das Bild zeigt einen Mann, PD Dr. Matthias Laarmann, am Rednerpult.
Dr. theol. habil. Matthias Laarmann hält seine Antrittsvorlesung im Audimax. | Foto: ThF-PB

Vorgestern Abend hielt Dr. theol. habil. Matthias Laarmann im Audimax seine Antrittsvorlesung zum Thema „Von der Notwendigkeit eines präzisen Gedächtnisses. Theologische Lexikographie als Thema der Dogmengeschichte“.

Das Bild zeigt zwei Männer vor einer blauen Wand. Einer hält eine Urkunde in der Hand.
Rektor Prof. Dr. Aaron Langenfeld (l.) überreichte PD Dr. Matthias Laarmann die Urkunde zur erteilten venia legendi für Dogmengeschichte. | Foto: ThF-PB

Im Anschluss an die Antrittsvorlesung überreichte Rektor Prof. Dr. Aaron Langenfeld PD Dr. Matthias Laarmann die Urkunde mit der offiziellen Erteilung der Lehrbefugnis. Bereits im Mai diesen Jahres hatte der Magnus Cancellarius der Theologischen Fakultät PD Dr. Matthias Laarmann die Lehrbefugnis (venia legendi) für das Fachgebiet „Dogmengeschichte“ erteilt.

In seiner Antrittsvorlesung stellte Matthias Laarmann das erste Gesamtlexikon katholischer Theologie und das erste Speziallexikon für mystische Sprache vor. Lexika gelten als Garanten präziser Wissensdokumentation. Darum sind die aufgenommenen Stichwörter (Lemmata) enorm wichtige Indikatoren für den Wissens- und Diskussionsstand der jeweiligen Zeit und der dort verwendeten Terminologie. Lexikographische Präsenz wird aktuell auch zu einem theologischen Argument. Denn es wird bestritten, dass das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum vor dem II. Vatikanischen Konzil mit dem Begriff ‚Substitutionstheorie‘ (die Kirche habe das Judentum als Volk Gottes abgelöst) bezeichnet und abqualifiziert werden dürfe. Denn kein einschlägiges katholisches oder auch evangelisches theologisches Lexikon des 20. Jahrhunderts führe dieses Stichwort. Laarmann befragte dahingehend zwei lexikographische Großwerke des Humanismus und des Barock.

So ging Laarmann zunächst ein auf den ca. 3000 Stichwörter umfassenden ‚Vocabularius theologiae‘ (‚Wörterbuch der Theologie‘) des Johann Altenstaig, der zuerst 1517 in Hagenau erschien und bis 1619 neun Nachdrucke erfuhr. Besondere Qualität der Lexikoneinträge Altenstaigs ist dessen Bemühen um eine angemessene Berücksichtigung der Pluralität theologischer Schulen, womit eine Hauptintention theologischer Lexikographie erfüllt ist. Für die Klärung des Verhältnisses der katholischen Kirche zum Judentum ließen sich in den exemplarisch herangezogenen Lemmata ‚synagoga‘ und ‚scenopagia‘ (‚Laubhüttenfest‘) keine terminologischen Vorstufen für die Substitutionstheorie finden.

Mit der 1640 in Köln gedruckten ‚Pro theologia mystica clavis‘ (‚Schlüssel zur mystischen Theologie‘) stellte Laarmann das erste Lexikon für die Sondersprache christlicher Mystik vor. Dessen Verfasser, der niederländische Jesuit Maximilian Sandaeus, versammelte in etwa 400 Stichwörtern das Spezialvokabular der in lateinischer Sprache publizierten Texte mystischer Theologie, darunter ausdrücklich auch die Werke von Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz. Die Latinisierung und damit auch Internationalisierung der volkssprachlichen Autoren deutscher, niederländischer und flämischer Provenienz, auf die Sandaeus zurückgreifen konnte, war eine epochale Leistung der Kartause St. Barbara in Köln. Deren wichtigste Übersetzerpersönlichkeit war Laurentius Surius, der insbesondere Johannes Tauler ins Lateinische übersetzte. Laarmann zeigte am Sandaeus-Lemma ‚resignatio‘ auf, wie der mittelhochdeutsche mystische Ausdruck ‚gelatenheit‘ (Gelassenheit) so latinisiert wurde, dass er international wirksam werden konnte, in dem die spanische und italienische Mystik mit der deutschen, niederländischen und flämischen Mystik in Kontakt und Austausch treten. Sandaeus‘ ‚Clavis‘ kennt übrigens auch keine Einträge zu ‚substituere‘ oder ‚substitutio‘.

Die Präzision eines Lexikonartikels veranschaulichte Laarmann am Sandaeus-Lemma ‚amplexus‘ (Umarmung). Während Sandaeus 1627 in seiner für akademische Kreise bestimmten, in Mainz gedruckten ‚Mystica theologia‘ neun Belegautoren (nur Männer!) bemüht, um die Ausdrücke ‚tactus mysticus‘ (‚mystische Berührung‘) und ‚amplexus mysticus‘ (‚mystische Umarmung‘) zu erläutern. Ganz anders verfährt 1640 Sandaeus in seiner ‚Clavis‘. Nicht ein einziger der 1627 herangezogenen neun Belegautoren, sondern ganz anderes Personal tritt auf: als erste und mit sehr ausführlichem Zitat Gertrud von Helfta, die – wie nun dieses Mystikspeziallexikon präzis dokumentiert – für den größten Beitrag von Frauen zur christlichen Theologie steht: die Frauenmystik des Mittelalters und der Neuzeit.

Abschließend wies Laarmann hin auf Wirkungslinien der beiden vorgestellten Lexika zur Mystikrezeption im Protestantismus der Neuzeit, insbesondere zur Sandaeus-Rezeption in Gottfried Arnolds ‚Historia et descriptio theologiae mysticae, seu theosophiae arcanae et reconditae, iterumque veterum et novorum mysticorum‘ (‚Geschichte und Beschreibung der mystischen Theologie bzw. der geheimen und verborgenen Theosophie sowohl der alten wie auch der neuen Mystiker‘; Frankfurt/M. 1702). Hauptdesiderat für die dogmengeschichtliche Erforschung theologischer Lexikographie, die im Ganzen noch sehr in den Anfängen steht, sieht Laarmann angesichts zurückgehender Lateinkenntnisse in einer Neuedition beider Lexika, die mit einer deutschen Übersetzung und theologiehistorischem Kommentar versehen werden müssen. Dies will sich Laarmann in den künftigen Jahren zur Aufgabe machen.

 

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