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Studie zu Erzbischof Lorenz Jaeger in der Zeit des Nationalsozialismus vorgelegt

„Keine pauschale Einordnung von Kardinal Jaeger“

Zufrieden überreichte Professor Dr. Josef Meyer zu Schlochtern (r.) das Buch „Lorenz Jaeger – Ein Erzbischof in der Zeit des Nationalsozialismus“ an Erzbischof Hans-Josef Becker. Es dokumentiert die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zur Haltung von Kardinal Jaeger gegenüber dem Nationalsozialismus. Foto: Thomas Throenle / Erzbistum Paderborn

Zufrieden überreichte Professor Dr. Josef Meyer zu Schlochtern, Lehrstuhlinhaber für Fundamentaltheologie an der Theologischen Fakultät Paderborn, das Buch „Lorenz Jaeger – Ein Erzbischof in der Zeit des Nationalsozialismus“ an Erzbischof Hans-Josef Becker. Es dokumentiert die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zur Haltung des späteren Kardinals gegenüber dem Nationalsozialismus. Erzbischof Becker hatte nach Vorwürfen der Rechtfertigung nationalsozialistischer Kriegsverbrechen durch den ehemaligen Paderborner Erzbischof und einer Debatte um die posthume Aberkennung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Paderborn die Theologische Fakultät zu einer wissenschaftlichen Untersuchung beauftragt. „Sie haben mit wissenschaftlicher Methodik das Fundament für eine differenzierte Betrachtung der Haltung von Lorenz Jaeger zum Nationalsozialismus gelegt. Mit dem Buch wird eine verantwortungsvolle Beurteilung ermöglicht“, sagte Erzbischof Hans-Josef Becker, als der Lehrstuhlinhaber für Fundamentaltheologie ihm das erste Exemplar des von ihm herausgegebenen Buches überreichte.

„Das Buch verzichtet auf eine pauschale Einordnung Lorenz Jaegers in das Spektrum von ‚Nähe und Distanz zur NS-Ideologie‘“, erklärte Professor Meyer zu Schlochtern. Die Grenzen dieser „Nähe und Distanz“ seien allerdings deutlich markiert, betonte der Moderator einer Forschergruppe von professionellen Historikern und Theologen: „Jaeger hegte keine geheimen Sympathien für den NS-Staat, dazu hat ihn dieser zu deutlich als einen Gegner eingeschätzt. Auf der anderen Seite hat Jaeger seine Gegnerschaft nie als öffentlichen Kampf gegen den NS-Staat herausgekehrt, dazu stand er in einer zu herausgehobenen Position seines hohen kirchlichen Amtes.“

Wo und wie sich Lorenz Jaeger in einzelnen Fragen positioniert habe, könne nur unter Einbeziehung der zeitgenössischen Kontexte angemessen beschrieben werden, urteilte Professor Meyer zu Schlochtern. Die Position von Jaeger zum NS-Regime heute aus der historischen Rückschau fair zu bewerten, verlange außerdem, die historische Distanz der Gegenwart zur NS-Zeit zu berücksichtigen. Im Hinblick auf die zentrale Fragestellung des Forschungsprojektes zur Haltung von Kardinal Jaeger gegenüber dem Nationalsozialismus bekräftigte der Professor, dass es nicht ausreiche, lediglich kurze Passagen oder Satzfragmente aus den Predigten von Lorenz Jaeger zu zitieren, um daraus dann eine Nähe zur NS-Ideologie abzuleiten. Vielmehr sei es notwendig, historische Fakten auf der Basis wissenschaftlicher Archivarbeit zu ermitteln und diese auf dem Stand der aktuellen (kirchen-)historischen Forschung auszuwerten.

Die Haltung von Lorenz Jaeger zum NS-Staat sei von der beteiligten Forschergruppe durch eine kritische Darstellung jener Lebensbereiche eruiert worden, in denen sich dessen politische Haltung ausbildete, erklärte Professor Meyer zu Schlochtern. Dargestellt werden die Herkunft von Lorenz Jaeger aus einer kleinbürgerlichen Arbeiterfamilie, seine Erfahrung als Theologiestudent, als Soldat und Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg, seine Stellung als Lehrer, als Militärgeistlicher und schließlich als Erzbischof von Paderborn.

Professor Dr. Rainer Pöppinghege, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Paderborn verantwortet den Beitrag „Lorenz Jaeger – der Frontkämpfer auf dem Bischofsstuhl“, der Historiker Dr. Bernd Heim ist Autor des Beitrags „Ein Erzbischof für die Nazis? – Hintergründe der Wahl Lorenz Jaegers zum Erzbischof“. Professor Dr. Dietmar Klenke, Professor em. für Neueste Geschichte an der Universität Paderborn steuerte den Text „Kardinal Jaeger in der kirchenkritischen Öffentlichkeit: Moralische Entlastung oder Stigmatisierung als ‚Nazi‘-Bischof?“ bei. Außer den Genannten sind die Historiker  und Theologen A. Otto, H.-W. Stork, D. Grothmann und D. van Faassen, B. Heim, J. Kuropka und B. Neumann mit Beiträgen in dem Sammelband vertreten.

Text und Fotos: Thomas Throenle, Stellvertretender Pressesprecher des Erzbistums Paderborn

Hintergrund zum Forschungsprojekt

In der Sitzung des Rates der Stadt Paderborn am 21. Mai 2015 beantragte die Fraktion „Demokratische Initiative Paderborn“ (DIP), dem früheren Erzbischof Lorenz Kardinal Jaeger (1892-1975) posthum die Ehrenbürgerwürde der Stadt abzuerkennen: Der Kardinal habe unter anderem zur „Rechtfertigung der nationalsozialistischen Kriegsverbrechen“ beigetragen. Dieser Vorwurf führte zu einer kontroversen Debatte in der Öffentlichkeit. Der Rat der Stadt lehnte den Antrag am 21. Mai 2015 mehrheitlich ab, die Auseinandersetzung hielt jedoch an. Darauf beauftragte Erzbischof Hans-Josef Becker die Theologische Fakultät Paderborn, die Haltung von Kardinal Jaeger zum Nationalsozialismus in einer wissenschaftlichen Untersuchung zu klären. Die Koordination und Moderation einer Forschergruppe von Historikern und Theologen wurde Professor Dr. Josef Meyer zu Schlochtern übertragen, der diese Aufgabe gemeinsam mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Johannes W. Vutz übernahm. Gemeinsam veröffentlichten sie als Herausgeber die erarbeiteten Forschungsergebnisse in dem Buch „Lorenz Jaeger. Ein Erzbischof in der Zeit des Nationalsozialismus“. Es ist im Aschendorff Verlag, Münster, 2020, erschienen und umfasst 465 Seiten.