Seit mehreren Semestern bringen die Lehrstühle für Liturgiewissenschaft der Theologischen Fakultät Paderborn (Prof. Dr. Stephan Wahle) sowie der Universitäten Erfurt (Prof. Dr. Benedikt Kranemann) und Tübingen (Prof. Dr. Stephan Winter) ihre Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in einem gemeinsamen Oberseminar zusammen. In diesem Semester stand die Frauen- und Genderforschung in der Liturgiewissenschaft im Mittelpunkt – mit einem besonderen internationalen Akzent durch den Austausch mit der renommierten Liturgiewissenschaftlerin Prof. Dr. Teresa Berger (Yale University).
Das gemeinsame Oberseminar hat sich in den vergangenen Semestern als wichtiges Forum des wissenschaftlichen Austauschs etabliert. Im Zentrum stehen dabei die laufenden Dissertations- und Habilitationsprojekte der teilnehmenden Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, deren Fragestellungen gemeinsam diskutiert und weiterentwickelt werden.
Neben diesem projektbezogenen Austausch setzt das Oberseminar regelmäßig inhaltliche Schwerpunkte. In diesem Semester widmete es sich der Frauen- und Genderforschung innerhalb der Liturgiewissenschaft. Ein besonderer Höhepunkt war ein vom Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft in Erfurt organisierter Austauschabend mit Prof. Dr. Teresa Berger, Professor Emerita der Yale Divinity School und des Yale Institute of Sacred Music (New Haven, Connecticut, USA). Grundlage des Gesprächs bildeten zwei zentrale Publikationen Bergers zu Genderfragen in der Liturgiegeschichtsforschung.
In ihrem Erfahrungsbericht schilderte Professorin Berger eindrücklich die schwierigen Bedingungen für Frauen in der deutschsprachigen Liturgiewissenschaft während ihrer eigenen Promotions- und Habilitationsphase. Diese Situation habe sie letztlich dazu bewogen, ihre akademische Laufbahn in den USA fortzusetzen. Darüber hinaus zeichnete sie die Anfänge und die Entwicklung der Frauen- und Genderforschung nach, die lange Zeit nicht zum etablierten Repertoire der Liturgiewissenschaft gehörte.
Berger machte deutlich, dass eine ganzheitliche Liturgieforschung ohne die Berücksichtigung von Geschlechterperspektiven kaum möglich ist – etwa mit Blick auf die Rolle der Frau im Gottesdienst, die historisch häufig nur in Relation zur Rolle des Mannes beschrieben wurde. In der liturgiegeschichtlichen Forschung seien Fragen nach Geschlechterdifferenzen erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zuge der erstarkenden Frauenforschung systematisch wahrgenommen worden. Ein wesentlicher Faktor hierfür sei gewesen, dass Frauen zunehmend selbst wissenschaftlich an theologischen Fakultäten und Universitäten tätig wurden.
Abgerundet wurde der Austausch durch Bergers Einschätzungen zur aktuellen politischen Situation in den USA, die ebenfalls Einfluss auf Wissenschaft, Theologie und kirchliches Leben habe. Das Oberseminar zeigte damit eindrucksvoll, wie fruchtbar der internationale und interdisziplinäre Dialog für die Weiterentwicklung der Liturgiewissenschaft sein kann. Das nächste Oberseminar findet im Sommersemester 2026 in Paderborn statt.