Gemeinsam mit Dr. Ann-Katrin Gässlein, Vertreterin des Lehrstuhls für Liturgiewissenschaft der Universität Luzern, und Prof. Dr. Stefan Kopp, Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft an der LMU München veranstaltete Prof. Dr. Stephan Wahle, Lehrstuhlinhaber für Liturgiewissenschaft an der ThF, im März 2026 an der Ludwig-Maximilians-Universität München eine interdisziplinäre Tagung, die sich der aktuellen Bedeutung liturgischer Laiendienste in der katholischen Kirche widmete. Ausgangspunkt der Diskussion war das Motuproprio Spiritus Domini (2021), mit dem Papst Franziskus den Zugang zu den liturgischen Diensten des Lektorats und des Akolythats für alle geeigneten Getauften geöffnet hat. Damit wurde ein Reformprozess weitergeführt, der bereits mit «Ministeria quaedam» (1972) begonnen hatte, dessen Umsetzung jedoch über Jahrzehnte hinweg Spannungen und offene Fragen hinterliess. Die Tagung diskutierte, ob diese Dienste als konstitutiv für das liturgische Leben der Kirche wahrgenommen werden oder lediglich als unterstützendes Beiwerk gelten. Dabei wurden historische Entwicklungen, kirchenrechtliche Aspekte, theologische Überlegungen und praktische Erfahrungen aus verschiedenen Diözesen beleuchtet.
Historische Perspektiven auf kirchliche Dienste
Bereits im Auftaktreferat machten Stephan Wahle und Stefan Kopp deutlich, dass es bei der Tagung nicht allein um eine aktuelle kirchenrechtliche Reform geht, sondern um grundlegende Fragen des kirchlichen Amtsverständnisses. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis von Taufe und Weihe sowie die Frage, wie sich kirchliche Dienste auf Grundlage der Taufe differenzieren lassen. Die Reform von «Ministeria quaedam» hatte 1972 zwar formal die niederen Weihen abgeschafft und die entsprechenden Funktionen neu bestimmt, zugleich aber Spannungen bestehen lassen – etwa durch den damaligen Ausschluss von Frauen. Gerade diese Unklarheiten prägen die Diskussion bis heute.
Einen Blick weit zurück in die Geschichte eröffnete Julia Schwarzer mit ihrem Vortrag zu Lektoren in der Spätantike. Anhand früher kirchlicher Quellen zeigte sie, dass die Ausdifferenzierung liturgischer Dienste bereits in den ersten Jahrhunderten ein komplexes Gefüge bildete. So erwähnt Papst Kornelius im 3. Jahrhundert neben Priestern und Diakonen auch Subdiakone, Akolythen, Lektoren und weitere Dienste. Die konkreten liturgischen Formen dieser Ämter entwickelten sich jedoch erst später und fanden ihren Niederschlag etwa in Ordinationsriten des 8. Jahrhunderts. Damit wurde deutlich, dass die Entwicklung kirchlicher Dienste historisch vielgestaltig verlief und nicht auf ein einziges Modell zurückgeführt werden kann.
Reformgeschichte und kirchenrechtliche Entwicklungen
Einen Schwerpunkt der Tagung bildeten Beiträge zur neueren Reformgeschichte. Matthias Daufratshofer zeichnete anhand von Archivquellen die konfliktreiche Vorgeschichte von «Ministeria quaedam» nach. Schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil war der Reformbedarf hinsichtlich der niederen Weihen erkannt worden; zugleich prägten Ängste und Abgrenzungsstrategien den Umgang mit liturgischen Diensten. Die schliesslich erfolgte Reform führte zwar zu einer funktionalen Neubestimmung, konnte aber vielerorts keine klare neue Praxis etablieren. Stattdessen entwickelte sich in vielen Gemeinden eine Vielzahl von Aufgaben für «Vorleserinnen und Vorleser» oder Kommunionhelferinnen und -helfer, die oft unabhängig von einer dauerhaften Beauftragung wahrgenommen wurden.
Matthias Ambros widmete sich anschliessend der kirchenrechtlichen Dimension des Motuproprio Spiritus Domini. Mit der Änderung des entsprechenden Kanons wurde eine der letzten Stellen im kirchlichen Gesetzbuch beseitigt, an denen Männer und Frauen unterschiedliche Rechte hatten. Abgesehen vom Weiheamt bestehen damit keine rechtlichen Unterschiede mehr im Zugang zu den liturgischen Laiendiensten. Diese Änderung wurde als bedeutsames Signal für das Verständnis kirchlicher Dienste gewertet.
Synodalität und weltkirchliche Perspektiven
Serena Noceti nahm die Diskussion in einer ekklesiologischen Perspektive auf und stellte sie in den Kontext der aktuellen Synodendebatten. In der durch einen bischöflichen Ritus vollzogenen «Institutio» sieht sie die Möglichkeit, Laiendiensten ein klares Profil zu geben. Anders als blosse Delegationen begründen instituierte Dienste eine eigenständige Form kirchlicher Verantwortung und können so zu einer stärker «pluriministerial» geprägten Kirche beitragen. Damit werde ein Modell kirchlicher Dienststrukturen sichtbar, das über ein rein klerikal geprägtes Verständnis hinausweist.
Die praktischen Konsequenzen solcher Überlegungen wurden am Abend des ersten Tages anhand diözesaner Erfahrungen diskutiert. Berichte aus Kärnten, Magdeburg und Münster zeigten, wie unterschiedlich die Rezeption liturgischer Laiendienste in den Ortskirchen verläuft. Während in Kärnten, wie Klaus Einspieler berichtete, bereits Ausbildungsprogramme für dauerhafte Beauftragungen eingerichtet und auch durchgeführt wurden, betonte Matthias Hamann in der Diasporasituation Magdeburgs stärker die Bedeutung eines erweiterten Predigtdienstes. In Münster wiederum stehen Fragen nach der theologischen Profilierung bestehender Dienste im Vordergrund, wie Nicole Stockhoff schilderte. Gemeinsam war allen Berichten die Einsicht, dass liturgische Bildung eine zentrale Voraussetzung für die Entwicklung solcher Dienste darstellt.
Biblische und systematische Vergewisserungen
Der zweite Tag der Tagung widmete sich stärker den biblischen und systematischen Grundlagen. Egbert Ballhorn hob die zentrale Bedeutung des Hörens auf das Wort Gottes hervor. Verkündigung entsteht in einem Beziehungsfeld von Sprechen und Hören; erst im Vollzug dieses Dialogs bildet sich kirchliche Gemeinschaft. Das Lektorat könne deshalb als ein Dienst verstanden werden, der die Präsenz des Wortes Gottes in der Kirche sichtbar macht.
Einen anderen Zugang wählte Ursula Schumacher, die für eine erneuerte Berufungstheologie plädierte. Während ältere Modelle Berufung oft als exklusiven Ruf zu einem bestimmten Stand verstanden hätten, betonten neuere Ansätze stärker die universale Berufung aller Getauften. In dieser Perspektive erscheint kirchliches Leben als gemeinsamer Weg von Menschen, die ihre Charismen aktiv in die Kirche einbringen.
Liturgische Praxis und zukünftige Perspektiven
Auch die liturgische Praxis selbst wurde zum Gegenstand der Analyse. Samuel-Kim Schwope untersuchte Sendungs- und Beauftragungsfeiern für nicht geweihte pastorale Mitarbeitende in den deutschen Bistümern und zeigte eine bemerkenswerte Vielfalt liturgischer Formen. Die unterschiedlichen Gestaltungen spiegeln zugleich verschiedene ekklesiologische Positionen wider und machen deutlich, dass die Frage nach dem theologischen Ort solcher Dienste weiterhin offen ist. Einen Blick in die Einsetzungsfeiern der Schweizer Bistümer Basel, St. Gallen und Chur eröffnete Ann-Katrin Gässlein, die zeigte, wie die dort praktizierten Formen der «Institutio» zwischen klassischer Beauftragung und stärker sakramental geprägten Sendungsfeiern changieren. Zugleich wurde deutlich, dass die starke Präsenz ausgebildeter Laientheologinnen und -theologen die Rezeption der neu akzentuierten Laiendienste in der Schweiz vor eigene pastorale und ekklesiologische Herausforderungen stellt.
Den Nachmittag beschloss eine engagierte Diskussion nach Kurzbeiträgen aus verschiedenen Fachrichtungen: Während Stefan Böntert mit Blick auf die Konzeption liturgischer Laiendienste vor einer «Versuchung des Pragmatismus» warnte, betonte Jan Loffeld den Stellenwert der Liturgie für das gemeindliche Leben, dem die Pastoraltheologie in den letzten Jahren wenig Zukunft verheissen hatte, und was angesichts neuer Forschungen wieder stärker in den Vordergrund rücken müsste. Erhellende Einsichten lieferte auch die ökumenische Perspektive, indem Johannes Greifenfeld die Auseinandersetzung mit ehren- und hauptamtlichem kirchlichem Personal am Beispiel der Predigtkompetenz in der evangelischen Kirche vorstellte, und Alexandru Ioniță über die Bedeutung der Priestergattin als Laiendienst für das pastorale und liturgische Leben in gegenwärtigen orthodoxen Gemeinden vorstellte.
Im abschliessenden Rückblick wurde deutlich, dass die Diskussion um liturgische Laiendienste über einzelne Reformmassnahmen hinausweist. Sie berührt grundlegende Fragen der kirchlichen Selbstdeutung: Wie lassen sich Dienste aus der Taufe heraus profilieren? Wie können liturgische Rollen so gestaltet werden, dass sie die Communio der Kirche sichtbar machen? Und wie kann die Vielfalt kirchlicher Charismen in einer pluralen Gesellschaft Gestalt gewinnen? In der Verbindung von historischer Analyse, systematischer Reflexion und praktischer Perspektive erwies sich die Münchner Tagung als fruchtbarer Ort des Austauschs.