© Karsten Schwenzfeier
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Narrativität als entscheidende Brücke zwischen Geschichtswissenschaft und Theologie

Fachtagung „Kirchengeschichte als Erzählung? Zur Bedeutung von Narrativität für die Historische Theologie“.

Welche Rolle spielen erzählerische Strukturen in der Geschichtswissenschaft und Theologie, insbesondere im Hinblick auf die Methodik und das Selbstverständnis der Kirchengeschichte, die erzähltheoretische Ansätze bislang eher zögerlich rezipiert hat? Dieser Fragen widmete sich eine Fachtagung an der Theologischen Fakultät Paderborn. Unter dem Titel „Kirchengeschichte als Erzählung?“ untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Theologie und Geschichtswissenschaft die narrative Verfasstheit von Geschichte und deren Bedeutung für die Kirchengeschichtsschreibung. Veranstaltet wurde die Tagung von Prof. Dr. Dr. Bernd Irlenborn und Dr. Bernhard Holl vom Lehrstuhl für Geschichte der Philosophie und Theologische Propädeutik an der Theologischen Fakultät Paderborn.

 

Grundlagen und Perspektiven

Zum Auftakt führten die Veranstalter Bernd Irlenborn (Paderborn) und Bernhard Holl (Berlin) in die Thematik ein. Seit dem „linguistic turn“ sei unbestritten, dass Geschichte nicht als eine reine Ansammlung von Fakten existiert, sondern immer in Form von Erzählungen begegnet. Dies werfe grundlegende Fragen nach Wahrheit, Objektivität und der spezifischen Rolle der Theologie auf. Die Referenten zeichneten die Ursprünge der „narrativen Theologie“ nach, die auf Denker wie Paul Ricœur und Johann Baptist Metz zurückgeht, und betonten deren Potenzial für das Selbstverständnis der Kirchengeschichte als theologisches Fach.

Florian Klug (Marburg) stellte das Konzept der „Kirche als Erzählgemeinschaft“ vor. Er argumentierte, dass kollektive Identität – auch die der Kirche – sich erst durch das fortlaufende Erzählen der eigenen Geschichte konstituiert. Aktuelle kirchliche Entwicklungen wie die Synodalität versteht er als eine moderne, partizipative Form dieser gemeinschaftlichen Erzählpraxis.

Systematische und geschichtswissenschaftliche Zugänge

Die systematische Theologie und die Geschichtswissenschaft lieferten weitere entscheidende Impulse. Johannes Größl (Paderborn) beleuchtete das Spannungsfeld von „Wahrheit und Fiktion“ und argumentierte, dass Narrative ein Wissen vermitteln, das durch rein logische Argumente nicht zu ersetzen ist. Die Theologie habe die Aufgabe, auch die dunklen Kapitel der Kirchengeschichte in ein sinnstiftendes Gesamt-Narrativ zu integrieren. Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive analysierte Nicolas Beckmann (Heidelberg) historische Texte als literarische Kunstwerke. Er machte deutlich, dass Historiker stets erzählerischen Konventionen folgen, und plädierte dafür, die ästhetischen Eigenschaften der Geschichtsschreibung als deren Wesensmerkmal anzuerkennen.

 

Narrative in der Praxis: Identitätskonstruktion und Krisenbewältigung

Weitere Vorträge zeigten die praktische Wirkmacht von Narrativen. Thea B. Sumalvico (Halle) demonstrierte anhand von Beispielen aus dem Luthertum nach dem Zweiten Weltkrieg, wie historische Erzählungen zur Stärkung von Identität in Krisenzeiten genutzt werden. Bernhard Holl (Berlin) verteidigte den narrativistischen Ansatz gegen den Vorwurf der Beliebigkeit und betonte, dass auch konstruierte Narrative wissenschaftlichen Kriterien wie Quellenbelegen und Konsistenz unterliegen müssen.

 

Narrative als Identitätskonstruktionen

Katharina Pultar (Mainz) analysierte die Chronik des spätantiken Autors Sulpicius Severus als eine „Krisenerzählung“, die half, die Umbrüche der Völkerwanderungszeit zu deuten und zu bewältigen. Matthias Daufratshofer (Paderborn) untersuchte päpstliche Enzykliken und stellte die provokante These auf, dass der Papst als „normativer Erzähler der Kirchengeschichte“ auftritt, der durch seine Lehrautorität eine bestimmte Version der Geschichte durchsetzt. Die Kirchengeschichtswissenschaft habe hier die wichtige Aufgabe, als „kritisches Auge der Theologie“ solche autoritativen Erzählungen zu hinterfragen.

Narrative als wirkmächtige Instrumente

Die Abschlussdiskussion bündelte die zentralen Erkenntnisse: Narrative sind wirkmächtige Instrumente zur Deutung der Welt, zur Stiftung von Identität und zur Bewältigung von Krisen. Gleichzeitig müssen sie als Konstruktionen erkannt und kritisch geprüft werden. Die Tagung verdeutlichte eindrücklich, dass das Erzählen eine entscheidende Brücke zwischen Geschichtswissenschaft und Theologie schlägt und für das Verständnis des christlichen Glaubens von fundamentaler Bedeutung ist.

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