Prof. Dr. Nicole Priesching, Inhaberin der Professur für Kirchen- und Religionsgeschichte am Institut für Katholische Theologie der Universität Paderborn und Vorsitzende der Kommission für kirchliche Zeitgeschichte des Erzbistums Paderborn, präsentierte im Rahmen einer Gastvorlesung an der Theologischen Fakultät Paderborn die Ergebnisse der von ihr verantworteten Studie „Sexuelle Gewalt an Minderjährigen im Erzbistum Paderborn. Eine historische Untersuchung (1941–2002)“. Die Studie nimmt die Amtszeiten der beiden Paderborner Erzbischöfe Lorenz Jaeger (1941–1973) und Johannes Joachim Degenhardt (1974–2002) in den Blick, die auch für die Philosophisch-Theologische Akademie Paderborn und seit 1966 für die Theologische Fakultät Paderborn als Großkanzler einflussreiche Persönlichkeiten waren.
Die Veranstaltung fand im Rahmen der Lehrveranstaltung „Zwischen Paderborn und Rom. Kirchen- und Bistumsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert“ von Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer (Lehrstuhl für Kirchengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Bistumsgeschichte an der Theologischen Fakultät Paderborn) statt. Nach dem Impulsvortrag Prieschings kamen die Lehrenden, Studierenden und Mitarbeitenden der Fakultät unter anderem über folgende Fragen ins Gespräch: Was bedeutet die Paderborner Missbrauchsstudie für die Kirche allgemein, für die Fakultät Paderborn, für das eigene Theologietreiben? Was ist das spezifisch „kirchenhistorische“ an dieser Studie? Welche Rolle spielte die wissenschaftliche Theologie oder die Priesterausbildung beim Thema Missbrauch? Eine weitere Vertiefung bedürfen folgende wichtige Fragen: Wie kann die Paderborner Bistumsgeschichte nach dieser Studie gedacht werden? Wie wird man historischen Persönlichkeiten in ihrer Ambivalenz gerecht? Wie ist es um die kirchliche Erinnerungskultur bestellt und ganz konkret: Wie will die Fakultät mit der Erinnerung an Jaeger und Degenhardt umgehen?
Die „Vertuschungsspirale“ und das Versagen der Strukturen
Die Paderborner Studie korrigiert die bisherigen Zahlen des Hellfelds im Erzbistum Paderborn drastisch nach oben: Die Forschenden fanden konkrete Hinweise auf mindestens 210 beschuldigte Kleriker und 489 betroffene Kinder und Jugendliche. Die Studie zeichnet auch die massiven Hürden für Betroffene nach. Unter den Erzbischöfen Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt wurden Vorwürfe als rein innerkirchliche Angelegenheit behandelt. Um das „Ansehen der Kirche“ zu schützen, wurde eine systematische „Vertuschungsspirale“ in Gang gesetzt: Degenhardt sprach noch 2001 „wider besseren Wissens“ von „Einzelfällen“, während das leitende Personal Taten durch verharmlosende Begriffe wie „Fehltritt“ oder „unglückliches Delikt“ bagatellisierte. Statt strafrechtlicher Konsequenzen wählte man den Weg des „freiwilligen Stellenverzichts“ und versetzte Kleriker selbst während laufender staatlicher Ermittlungen.
Selbst die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962–1965) führten nicht zu einem besseren Schutz. Im Gegenteil: Gemeinden und Laiengremien stellten sich oft schützend vor die beschuldigten Priester. Eine fehlgeleitete „pastorale Perspektive“ begünstigte die Täter, denen man mit „seelsorglicher Milde“ begegnete, während die Betroffenen ausgegrenzt blieben. Zudem nutzten die Täter kirchenpolitische Stimmungen geschickt aus: Ein progressiver Priester genoss in einer progressiven Gemeinde ebenso blindes Vertrauen wie ein konservativer in einem traditionellen Milieu. Priesching betonte daher, dass der Missbrauch keinem bestimmten theologischen Milieu zuzuordnen sei.
Information zur Studie
Derzeit wird unter der Leitung von Nicole Priesching in der „Studie B“ die Amtszeit von Erzbischof Hans-Josef Becker (2003–2022) untersucht, die demnächst veröffentlicht wird. Die Studie zu den Amtszeiten Jaeger und Degenhardt ist „open access“ auf der Homepage der Universität Paderborn einsehbar.