Brückenbauerin zwischen Glauben, Wissenschaft und Wohlfahrt

Die Theologische Fakultät Paderborn hat Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes (DCV), die Ehrendoktorwürde (Dr. theol. h. c.) verliehen.

Vor einem voll besetzten Audimax würdigte die Fakultät ihr herausragendes und auf christlicher Überzeugung basierendes Wirken an den Schnittstellen von Theologie, Wohlfahrtspflege und Politik. Zu dem akademischen Festakt hießen Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz, Magnus Cancellarius der Fakultät, und Rektor Prof. Dr. Aaron Langenfeld zahlreiche Gäste aus Wissenschaft, Kirche, Politik und den Caritasverbänden willkommen.

Gesellschaftliche Verantwortung im europäischen Kontext

In seinem Grußwort schlug Erzbischof Dr. Udo Markus Bentz den Bogen zu seinen neuen bischöflichen Aufgabenfeldern Europa, gesellschaftspolitische Fragen und Caritas. Er unterstrich die untrennbare Verbindung von kirchlichem Handeln und gesellschaftlicher Verantwortung: Gerade in Zeiten erstarkender nationalistischer Tendenzen müssten der Dienst am Menschen und der Einsatz für eine gerechte Gesellschaft im europäischen Kontext gedacht werden. Leitend müsse dabei stets die Frage sein: „Was braucht der Mensch?“

Caritas als theologischer Erkenntnisort

Rektor Prof. Dr. Aaron Langenfeld hob hervor, dass Eva Maria Welskop-Deffaa nach vier Vorgängern die fünfte Ehrenpromovendin und zugleich die erste Frau ist, der die Fakultät diese höchste akademische Würdigung zuteilwerden lässt. Ausgezeichnet werde ihr auf christlichen Werten basierendes Wirken an den Schnittstellen von Caritas, Politik und Wirtschaft. Mit der Verleihung setze die Fakultät zugleich einen eigenen hochschulpolitischen Akzent: Man wolle die theologische Relevanz gelebter Nächstenliebe und einer authentischen diakonischen Kirchenentwicklung unterstreichen. Die Caritas sei kein von Lehre und Liturgie separierter Bereich, sondern ein „echter Erkenntnis- und Entwicklungsort von Kirche“. Zugleich verwies Langenfeld auf das caritas- und sozialwissenschaftliche Profil des Standorts Paderborn, das künftig in noch engerer Kooperation mit dem Sozialinstitut Kommende Dortmund vertieft werden soll, und gratulierte Erzbischof Bentz zur Übernahme des Vorsitzes der bischöflichen Kommission für gesellschaftliche und caritative Fragen.

Glaube als Fundament für gesellschaftspolitische Reformen

Gabriel Lenz aus dem Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz überbrachte das Grußwort von Erzbischof Stephan Burger (Freiburg), bis Ende September 2026 Caritas-Bischof der Deutschen Bischofskonferenz. Darin hob Erzbischof Burger hervor, wie überzeugend es Welskop-Deffaa gelinge, christliche Grundwerte mit wissenschaftlicher Expertise zu verknüpfen: „Sie haben dabei unseren Glauben als Fundament genutzt und diesen mit sozial-, wirtschafts- oder naturwissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden. In einer säkularen Gesellschaft wie der unseren kann es nur in dieser Verbindung heute noch gelingen, überzeugend zu argumentieren, um für Notleidende, Bedürftige, Schwache, Arme und Kranke – die Menschen an den Rändern der Gesellschaft – Verbesserungen in den Systemen zu erreichen, die zu deren Unterstützung eingerichtet wurden.“ Welskop-Deffaa habe im besten Sinne des Wortes etwas befördert und vorangebracht – als profilierte Stimme der Caritas, der Kirche und des Evangeliums.

Verlässlichkeit, Vertrauen und kooperative Führung

Diözesan-Caritasdirektor Ralf Nolte (Paderborn) unterstrich in seinem Grußwort den prägenden Führungsstil der Geehrten: „Du hast mit Deiner offenen und zugewandten Art Türen geöffnet für einen anderen Führungsstil und ein kooperatives Miteinander in der Caritas. Als Präsidentin des DCV hast Du auf soziale Probleme hingewiesen und der Caritas eine starke sozialpolitische und gesellschaftliche Stimme gegeben.“ Zudem verwies Nolte darauf, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt vor allem dort wachse, wo Menschen Vertrauen säen und sich authentisch für ihre Werte einsetzen. Welskop-Deffaa sei so zu einer zentralen Vertrauensperson innerhalb und außerhalb des Verbandes geworden. Die Verleihung der Ehrendoktorwürde würdige diese Verdienste und zugleich die Haltung, dass christlicher Glaube tätige Verantwortung für Mitmenschen und Demokratie bedeutet.

Laudatio: Grenzgängerin und Brückenbauerin zwischen Theorie und Praxis

Die Laudatio hielt Prof. Dr. Stephan Rixen vom Institut für Staatsrecht an der Universität zu Köln. Er beschrieb Welskop-Deffaa als eine „Grenzgängerin“, die Denk- und Aktionsimpulse setze, welche Theorie und Praxis gleichermaßen verändern. Rixen betonte: „Indem Eva Maria Welskop-Deffaa immer wieder ganz unterschiedliche Welten miteinander ins Gespräch bringt – und immer spielt die Welt der Caritas eine tragende Rolle –, sorgt sie dafür, dass Theorie und Praxis sich wechselseitig befruchten, aber auch die Maxime zu ihrem Recht kommt, dass nichts praktischer ist als eine gute Theorie.“

Der Laudator hob weiter hervor, dass die Geehrte ein feines Gespür für drängende Zukunftsthemen besitze und diese frühzeitig in die gesellschaftliche Debatte einbringe. Dafür führe sie wissenschaftliche Erkenntnisse und konkrete Praxiserfahrungen der Wohlfahrtspflege zusammen. Zudem gebe sie der Caritas ein prominentes Gesicht weit über den Raum der Kirche hinaus und mache deutlich, dass der caritative Einsatz ein unverzichtbarer Grundvollzug kirchlichen Lebens sei.

Festvortrag: Für eine „Kultur der Mitverantwortung“

Nach der feierlichen Überreichung der Promotionsurkunde hielt Dr. theol. h. c. Eva Maria Welskop-Deffaa ihren Promotionsvortrag zum Thema „Für eine ‚Kultur der Mitverantwortung‘. Das Subsidiaritätsprinzip als Mutmach-Prinzip“.

Darin plädierte sie für eine Neuentdeckung des Subsidiaritätsprinzips, das auf einem christlich-humanistischen Menschenbild gründe und den Menschen als freies, schöpferisches Individuum ins Zentrum stelle. Unter Rückgriff auf Roman Herzog hob sie dessen genuin antitotalitäre Dimension hervor: Subsidiarität und Solidarität bedingen einander, da Selbstbestimmung untrennbar mit Mitverantwortung verbunden ist.

In Anlehnung an Papst Leos Enzyklika „Magnifica humanitas“ forderte Welskop-Deffaa eine Kultur des Miteinanders und warnte vor einer Verengung des Begriffs auf reine „Eigenverantwortung“: Nicht das isolierte „Eigen“, sondern das verbindende „Mit“ im Sinne einer geteilten Verantwortung (shared responsibility) für den Nächsten, die Schöpfung und das Gemeinwohl bilde den Kern subsidiären Handelns. Ein handlungsfähiger Staat dürfe sich dabei nicht zurückziehen, sondern müsse die Rahmenbedingungen schaffen, die es Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft ermöglichen, das Gemeinwesen aktiv mitzugestalten.

Die Ehrenpromotionen an der Theologischen Fakultät Paderborn

Die Theologische Fakultät Paderborn verleiht den Doktorgrad honoris causa für hervorragende Verdienste um die theologische Wissenschaft oder die Kirche. Ausgezeichnet wurden 1978 Heinz Schürmann (1913-1999), Professor für Exegese des Neuen Testaments in Erfurt (‚Philosophisch-Theologisches Studium Erfurt‘), 2000 Avery Dulles (1918-2008), Professor an der Fordham University und der Katholischen Universität von Amerika, Präsident der Katholischen Theologischen Gesellschaft der USA, 2011 Fouad Twal (*1940), em. Lateinischer Patriarch von Jerusalem), und 2020 Herrmann Josef Pottmeyer (1934-2023), Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

Dr. theol. h. c. Eva Maria Welskop-Deffaa

Eva Maria Welskop-Deffaa (geb. 1959 in Duisburg) ist Diplom-Volkswirtin. Im Oktober 2021 wurde sie zur Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes (DCV) gewählt und ist damit die erste Frau in diesem Amt. Zuvor war sie unter anderem Mitglied im Bundesvorstand der Gewerkschaft ver.di, Ministerialdirektorin im Bundesfamilienministerium und in leitenden Funktionen beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) sowie beim Katholischen Deutschen Frauenbund tätig.

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