Theologie und Glaube – Ausgabe 2/2026

Theologie und Glaube

Jahrgang 116
Ausgabe 2/2026

Die zweite Ausgabe von „Theologie und Glaube“ des Jahres 2026 ist erschienen. Es beschäftigt sich mit den Themen Emotionen und Erkenntnis aus philosophischer Sicht. Welche Rolle spielen Emotionen in Erkenntnisprozessen?

Beiträge stammen von Prof. Dr. Dr. Andreas Koritensky (Paderborn), assoz. Prof. Dr. Bruno Niederbacher SJ (Innsbruck),  Mag. theol. Alexander Kaiser (Paderborn), Prof. Dr. Józef Bremer SJ (Krakau) sowie Dr. Federica Isabella Malfatti (Innsbruck).
Rezensionen stammen dieses Mal von Mag. theol. Theresa Oesselke (zu Barbara Haslbeck: „Sexueller Missbrauch an Ordensfrauen im deutschsprachigen Raum“) und Prof. em. Dr. Bernhard Sill (zu Hermann Wohlgschaft: „Das Scheitern“).

Wir wünschen eine spannende Lektüre!

 

Beiträge aus dieser Ausgabe

S. 4–21

Der Text untersucht Aristoteles’ Vermittlung zwischen Emotion und Rationalität.
In der Rhetorik erscheinen Emotionen nicht als irrationaler Störfaktor,
sondern als kognitive und motivationale Elemente menschlicher Urteilsbildung.
Aristoteles zeigt, dass öffentliche Überzeugungsprozesse auf dem Zusammenspiel
von logos, ethos und pathos beruhen. Emotionen besitzen dabei
eine epistemische Funktion: Sie erschließen Werte, strukturieren Wahrnehmung
und ermöglichen praktische Entscheidungen in kontingenten Handlungssituationen.

The text examines Aristotle’s attempt to mediate between emotion and rationality.
In the Rhetoric, emotions are not treated as irrational disturbances but
as cognitive and motivational elements of human judgment. Aristotle shows
that processes of public persuasion depend on the interplay of logos, ethos,
and pathos. Emotions thus fulfill an epistemic function: they disclose values,
structure perception, and enable practical decision-making in contingent situations.

 

S. 22–39

Der Beitrag untersucht die ignatianische „zweite Wahlzeit“, in der Entscheidungen
aus Trost und Untrost hervorgehen. Nach Klärung dieser geistlichen
Emotionen und ihrer Unterscheidungsregeln wird ihr anthropologischer Hintergrund
beleuchtet. Anschließend wird argumentiert, dass Trost und Untrost
als prima facie epistemische Gründe moralischer Überzeugungen fungieren
können, insofern sie Situationen evaluativ „erscheinen“ lassen, jedoch durch
mögliche Gegengründe korrigierbar bleiben.

The article examines Ignatius of Loyola’s “second time of election,” in which
decisions arise from consolation and desolation. After clarifying these spiritual
emotions and their rules of discernment, their anthropological background
is discussed. It then argues that consolation and desolation can function as
prima facie epistemic reasons for moral beliefs insofar as they present situations
in an evaluative way, while remaining defeasible by possible counterreasons.

S. 40–63

Der Artikel untersucht Kants Konzept des moralischen Gefühls und nimmt
dabei besonders dessen handlungs- und motivationstheoretische Funktion in
den Blick. Im Gegensatz zur gängigen Auffassung, Kant verwehre dem Gefühl
in seinem streng rationalistischen Ansatz jegliche positive Relevanz, kann seine
Position als eine differenzierte Verhältnisbestimmung von Vernunft und
Gefühl rekonstruiert werden, in der die Vernunft das Vermögen zu fühlen voraussetzt,
um sich selbst praktische Wirksamkeit zu verschaffen.

The article explores Kant‘s concept of moral feeling, focusing in particular on
its role in his theory of action and motivation. Contrary to the common perception
that Kant, in his strictly rationalist approach, denies emotion any positive
relevance, his position can be reconstructed as a nuanced articulation
of the relationship between reason and emotion, in which reason presupposes
the capacity for feeling in order to achieve practical efficacy.

S. 64–83

Hoffnung ist eine menschliche Ressource, die sich zu keinem Zeitpunkt von
unserem Handeln trennen lässt. In vielen Fällen prägt sie unsere Entscheidungen
und erhöht dadurch die Wahrscheinlichkeit ihrer Erfüllung. Als solche
bietet sie keine Garantien, ebnet jedoch den Weg zu einem lebenswerten Leben
und ist, nicht zuletzt, eine Art Verpflichtung eines jeden von uns gegenüber
uns selbst. Dennoch gehört die Hoffnung zu den weniger beachteten Themen
der Philosophie. Wir beginnen mit Ludwig Wittgensteins persönlichen Bemerkungen
über – oder besser: Ausdrucksformen von – Hoffnung und erörtern
anschließend ihren Stellenwert in seinem philosophischen Werk. Dabei
werden wir zeigen, wie für Wittgenstein Hoffnung in die komplexe menschliche
Lebensform eingewoben ist.

Hope is a human resource, that cannot be separated from our actions at any
time. In many cases, it shapes our decisions, thereby increasing the likelihood
of its fulfilment. As such it offers no guarantees, yet paves the way to a life
worth living and is, last but not least, a kind of commitment from each of us to
our very selves. Hope, however, is one of the lesser-noted topics in philosophy.
We begin with Wittgenstein‘s personal remarks on – or better, expressions
of – hope and then we discuss its place within his philosophical writings. In
doing so, we will show how for Wittgenstein hope is woven into the complex
human form of life.

S. 84–96

Dieser Aufsatz widmet sich zwei Fragen: Was ist epistemisches Vertrauen,
und welche Funktion nimmt es wahr? Hinsichtlich der ersten Frage wird
herausgearbeitet, wann und wie sich epistemisches Vertrauen vom blinden
Sich-verlassen-auf (deference) unterscheidet. In einem zweiten Schritt wird
die Funktion in unserem epistemischen Leben untersucht. In der Literatur gilt
epistemisches Vertrauen weithin als wichtiges Mittel zum Erwerb von Wissen
und wahren Überzeugungen (knowledge). Ich zeige jedoch, dass dies nur
ein Teil des Gesamtbildes ist: Epistemisches Vertrauen trägt auch wesentlich
dazu bei, das Weltverständnis (understanding) von Akteuren zu verbessern.

This paper discusses two questions: What is epistemic trust, and what is its
function? Concerning the nature of epistemic trust it is crucial to resist the
identification between epistemic trust and deference. Not all forms of epistemic
trust are deferential. In a second step the function that epistemic trust has
to play in our epistemic lives will be explored. It is widely acknowledged in the
literature that epistemic trust is, or at least can be, an important instrument
for acquiring knowledge and true beliefs. My arguments in this paper show
that this is just a small part of the picture. There is more that epistemic trust
can do. Beyond promoting knowledge and true belief, epistemic trust has an
important role to play in the process leading agents to improve their understanding
of the world.

S. 97f.

Rezensentin: Mag. theol. Theresa Oesselke

Rezensiertes Buch:

Barbara Haslbeck:
Sexueller Missbrauch an Ordensfrauen im
deutschsprachigen Raum. Ein unterschätztes
Phänomen und seine systemischen
Bedingungen
Freiburg i. Br.: Herder 2025 – ISBN: 978-3-
451-02426-9 – 58 €, 384 S.

S. 99f.

Rezensent: Prof. em. Dr. Bernhard Sill

Rezensiertes Buch:

Wohlgschaft, Hermann:
Das Scheitern. Unser treuester Begleiter
auf dem Weg zum Glück
Ostfildern: Patmos Verlag 2025 – ISBN:
978-3-8436-1576-1 – 22,00 € – 223 S.

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