Am 22. März 2026 jährt sich der Todestag von Clemens August Graf von Galen zum 80. Mal. Der Münsteraner Kardinal gilt als einer der bekanntesten deutschen Bischöfe der Zeit des Nationalsozialismus. Mit seinen drei berühmten Predigten aus dem Sommer 1941 bezog er als einer der wenigen katholischen Würdenträgern gegen Teile der nationalsozialistischen Politik öffentlich Stellung.
Seit seiner Seligsprechung im Jahr 2005 wird in Wissenschaft und Öffentlichkeit kontrovers diskutiert, wie „menschlich“ ein Seliger überhaupt sein dürfe. Neue Einblicke in die bislang kaum beachteten vatikanischen Seligsprechungsakten zeigen: Diese Debatte ist keineswegs neu, sondern bestimmte – und das ist durchaus überraschend – auch Galens Seligsprechungsverfahren seit den späten 1960er Jahren.
Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer, Lehrstuhlinhaber für Kirchengeschichte unter besonderer Berücksichtigung der Bistumsgeschichte, hat sich anlässlich des Jahrestages mit der weit über Deutschland hinaus bekannten Persönlichkeit auseinandergesetzt und erstmals Einsicht in Galens Seligsprechungsakten genommen. Die sogenannte „Positio“ ist Teil eines einzigartigen Bestandes der Erzbischöflichen Akademischen Bibliothek Paderborn. Mit mehr als 7.000 Seligsprechungsakten handelt es sich um den größten Bestand von Selig- und Heiligsprechungsakten außerhalb des Vatikans – eine wahre Schatzgrube für kirchenhistorische Forschung.
Bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Galen von Pius XII. am 18. Februar 1946 zum Kardinal erhoben – eine sensationelle päpstliche Entscheidung, da Münster kein traditioneller Kardinalssitz war. Die Ernennung gilt als Ankerkennung seines mutigen Auftretens gegen das NS-Regime. Als Purpurträger kehrte er nach Westfalen zurück und wurde dort mit frenetischen Jubelstürmen empfangen. Am 22. März 1946 dann die traurige Nachricht, die in der Bevölkerung eine große Bestürzung auslöste: Kardinal von Galen tot – der Grund: ein Blinddarmdurchbruch.
Weltweite Bekanntheit erlangte Galen durch seine drei Predigten vom Sommer 1941, in denen er unter anderem das nationalsozialistische Euthanasieprogramm verurteilte. Dieses öffentliche Auflehnen gegen das Regime prägt bis heute das Bild Galens im kollektiven Bewusstsein. Es müssen jedoch auch kritische historische Anfragen, wie etwa nach seiner problematischen Gutheißung des deutschen Russlandfeldzugs 1941, seiner obrigkeitshörigen national-konservativen Ausrichtung oder seinem ausbleibenden Protest gegen den Holocaust erlaubt sein. Ungeachtet dieser Ambivalenzen gilt: Mit seinen Predigten setzte Galen ein deutliches Zeichen für Menschenwürde und Zivilcourage. In diesem Punkt kann er auch heute angesichts des zunehmenden Rechtsrucks und der weltweit totalitären Tendenzen als Vorbild dienen – in Kirche und Gesellschaft.
Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer hat sich anlässlich des 80. Todestags Galens zu Wort gemeldet: