© Matthias Daufratshofer
© Matthias Daufratshofer

Wie an das Unfassbare erinnern?

Unter diesem Titel stand das interfakultäre Hauptseminar mit Exkursion, das an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster und der Theologischen Fakultät Paderborn im Wintersemester 2025/26 angeboten wurde.

Eine Gruppe von 30 Studierenden und Lehrenden war vom 9. bis 13. März 2026 in Polen unterwegs und besuchte Auschwitz und Krakau. Aus Paderborn nahmen die beiden Studierenden Luca Garritzmann und Benedikt Körner und Jun.-Prof. Dr. Matthias Daufratshofer teil. Die Exkursion verband historische Bildungsarbeit mit theologischer Reflexion. Führungen durch die ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager sowie gemeinsame Gespräche ermöglichten den Teilnehmenden eine vertiefte Auseinandersetzung mit Fragen historischer Erinnerung, theologischer Verantwortung und gegenwärtiger Erinnerungskultur.

Montag

Nach der Ankunft in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz (IJBS) war der erste Programmpunkt der Exkursion eine Führung durch die Stadt Oświęcim, bei der wir den Spuren des jüdischen Lebens folgten. Dabei erhielten wir Einblicke in die Geschichte der jüdischen Gemeinde, die das Stadtbild und das kulturelle Leben über lange Zeit hinweg geprägt hatte. Besonders eindrucksvoll war der Besuch des ehemaligen Standortes der Synagoge sowie des jüdischen Museums, das das jüdische Leben in Oświęcim vor der Shoa sowie die Schicksale der Menschen, die hier lebten, anschaulich vermittelte und zugleich an das erinnerte, was unwiederbringlich verloren ist. Außerdem hatten wir die Gelegenheit, die kleine, noch aktive Synagoge zu besuchen, die bis heute als Ort des Gebets für jüdische Besucher aus der ganzen Welt genutzt wird.

Oświęcim selbst präsentierte sich uns als kleines, idyllisches Städtchen – ein Bild, das in starkem Gegensatz zu den Gräueltaten der Shoa steht, mit denen der Name der Stadt untrennbar verbunden ist. Diese Spannung sollte uns im Laufe der Exkursion immer wieder begegnen.

Dienstag

Nach dem Frühstück machten wir uns zu Fuß auf den Weg zur Gedenkstätte Auschwitz. Nach der Sicherheitskontrolle teilten wir uns in zwei Gruppen für englischsprachige Führungen durch das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz I, das sogenannte „Stammlager“. Beim Gang durch die erhaltenen Baracken, entlang der Ausstellungen mit persönlichen Gegenständen der Ermordeten sowie vorbei an Orten von Folter und Hinrichtungen wurde die systematische Dimension der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie eindrücklich sichtbar. Besonders die Konfrontation mit den individuellen Lebensgeschichten hinter den Zahlen hinterließ bei vielen einen bleibenden Eindruck.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen im Zentrum für Dialog und Gebet trafen wir den deutschen Priester Dr. Manfred Deselaers, der seit vielen Jahren in der Versöhnungs- und Erinnerungsarbeit in Oświęcim tätig ist. Im Gespräch berichtete er von seiner Arbeit am Ort der ehemaligen Lager und sprach darüber, welche Bedeutung Erinnern, Dialog und Verantwortung heute haben. Dabei wurde deutlich, dass Auschwitz nicht nur ein historischer Ort ist, sondern auch eine bleibende Anfrage an Gegenwart und Zukunft.

© Ricarda Lüken
Exkursionsgruppe vor dem Begegnungshaus „Zentrum für Dialog und Gebet in Oświęcim“ zusammen mit dem dortigen Leiter Dr. Manfred Deselaers.

Am späten Nachmittag kamen wir mit Nataliia Tkachenko, Mitarbeiterin im Education Center der Gedenkstätte Auschwitz zusammen. Im Mittelpunkt standen Fragen historischer Bildungsarbeit sowie die Herausforderung, insbesondere jungen Menschen die Geschichte der Shoah zu vermitteln. Die Mitarbeitenden erläuterten ihre pädagogischen Ansätze und berichteten von den Chancen und Grenzen heutiger Erinnerungskultur.

Nach dem Abendessen bestand am Abend die Möglichkeit zu einer offenen Reflexionsrunde in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte, in der viele Eindrücke des Tages gemeinsam besprochen wurden.

Mittwoch

Nach dem gemeinsamen Frühstück fuhren wir nach Birkenau, wo wir am Vormittag an einer englischsprachigen Führung durch das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau teilnahmen. Besonders die Weitläufigkeit des Geländes und die erhaltenen Ruinen der Gaskammern und Krematorien machten das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen deutlich.

Bei einem gemeinsamen Gedenken am Mahnmal hielten wir inne, erinnerten an die Opfer des Nationalsozialismus und gedachten insbesondere der Menschen aus Münster und Paderborn, die deportiert und ermordet wurden. Dieser Moment der Stille und des Erinnerns war für viele von uns sehr eindrücklich und emotional. Zum Text des Gedenkens

Gegen Mittag fuhren wir erneut zum Zentrum für Dialog und Gebet, wo wir zunächst gemeinsam zu Mittag aßen. Am frühen Nachmittag nahmen wir an einem Vortrag zum Thema „Schwangere Frauen und Neugeborene in Auschwitz“ teil. Anschließend trafen wir die ehemalige Inhaftierte und Shoah-Überlebende Stefania Wernik. Sie wurde im November 1944 im Außenlager geboren, das wir am Vormittag noch besucht hatten. Das genaue Datum ihrer Geburt ist bis heute nicht bekannt. Dieses persönliche Gespräch war besonders bewegend. Überlebt hat sie nur dank der Stärke ihrer Mutter und weil sie als „Versuchsobjekt“ für Josef Mengele ausgewählt wurde, der als „Engel des Todes von Auschwitz“ bekannt ist. Was damals mit ihr geschah, wird sie niemals vollständig erfahren können – geblieben sind nur die körperlichen Spuren jener Zeit.

Am späten Nachmittag besuchten wir das Ausstellungshaus zur Werkreihe „Birkenau“ von Gerhard Richter. Die Auseinandersetzung mit Kunst als Form des Erinnerns eröffnete uns einen weiteren Zugang zur Geschichte des Ortes. Nach dem Abendessen bestand am Abend die Möglichkeit zu einer freiwilligen Reflexionsrunde.

Donnerstag

Am letzten Tag gings mit dem Zug nach Krakau, in die ehemalige Residenzstadt der polnischen Könige. Umgestiegen in die Straßenbahn fuhren wir über die Weichsel zum ehemaligen Konzentrationslager Plaszów, das auf dem Gelände zweier jüdischer Friedhöfe im Stadtteil Podgórze ab 1940 errichtet wurden. Zeitweise hatten die Nationalsozialisten hier bis zu 25.000 Menschen, vor allem Jüdinnen und Juden aus dem Krakauer Ghetto, inhaftiert. Zu sehen ist noch die, inzwischen wieder bewohnte, Villa des für seine Grausamkeit und Willkür bekannten Kommandanten Amon Göth. Heute erinnert – bis auf einige Infotafeln – relativ wenig an das Konzentrationslager, es wird vielmehr als Park und Naherholungsgebiet genutzt. Mit Blick auf unsere Frage nach der Erinnerungskultur war diese Perspektive sehr aufschlussreich.

Zurück fuhren wir durch das ehemalige Krakauer Ghetto, das 1941 von den deutschen Besatzern errichtet wurde, in dem 15.000 Jüdinnen und Juden auf engstem Raum zusammengepfercht waren und 1943 vollständig liquidiert wurde. In der Nähe der Emaillefabrik Oskar Schindlers machten wir Halt am Platz der Ghettohelden, auf dem große Stühle standen – ein Denkmal für die von dort deportierten Menschen. An der Ecke des Platzes sahen wir auch die Apotheke „Pod Orlem“ von Tadeusz Pankiewicz, der die Liquidierung des Ghettos beobachtete, schriftlich dokumentierte und nur überlebte, weil die SS ihn vergessen hatte. In seinen Memoiren schrieb er: „Auf dem Plac Zgody verrottete eine unzählige Anzahl von Schränken, Tischen, Kommoden und anderen Möbeln.“ Yad Vashem ehrt ihn als „Gerechter unter den Völkern“.

Nach einer Mittagspause führte uns Elisa, eine Praktikantin aus Münster, durch das spannende, moderne und etwas alternativere Museum Galicia, das uns fotografische Einblicke in das jüdische Leben in Galizien und dessen Auslöschung während der Shoah gab.

Danach bekamen wir eine hochspannende Führung durch das jüdische Viertel Kazimierz, die dortige Synagoge und den dahinterliegenden Friedhof. Viele von uns waren von dem heute wieder sichtbaren jüdischen Leben in Krakau berührt.

In Kleingruppen erkundeten wir danach auf eigene Faust Krakau: die Tuchhallen, die Kathedrale, das Königsschloss auf dem Wawel, oder die Marienkirche – oder ruhten uns einfach in einem der vielen malerischen Cafés der Stadt aus. Zum gemeinsamen Abschluss der Exkursion trafen wir uns in einem urigen Restaurant, wo wir uns Pierogi, die traditionelle polnische Spezialität, schmecken ließen. Als wir wieder in der Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim angekommen waren, saßen wir noch lange zusammen, um uns über das Erlebte auszutauschen.

Freitag

Am Freitag machten wir uns auf den Weg zurück nach Münster und Paderborn. Dass uns die Exkursion gedanklich aber noch keineswegs losließ, sondern uns noch lange begleiten wird, zeigen uns die Gespräche im Nachgang in Münster und Paderborn und besonders eindrücklich die verschriftlichen Gedanken von Lena Almeroth (Münster), Cosima Spieß (Münster) und Benedikt Körner (Paderborn).

Ein herzlicher Dank für die großzügige Unterstützung unserer Exkursion gilt dem Münsteraner Diözesanadministrator Dr. Antonius Hamers (Verfügungsfonds) und dem Verein der Freunde und Förderer der Theologischen Fakultät Paderborn.

Text: Ludger Hiepel, Michael Pfister, Sarah Scotti und Matthias Daufratshofer

Zum Weiterlesen:

Im Nachgang der Exkursion erschien vor kurzem auf „feinschwarz“ der Beitrag „Auf die Stimme des Bodens hören. Erinnern lernen in Auschwitz“, der von den vier Organisator:innen verfasst wurde: feinschwarz

Eindrücke einiger Exkursionsteilnehmenden

Lena Almeroth, Münster

„Auschwitz verändert. Nicht nur diejenigen, die dort sein mussten, sondern auch zahlreiche, die heute die Gedenkstätten besuchen. Nicht weil dieser Ort große Geschichten erzählt, sondern weil er mit einer nüchternen Darstellung des Geschehenen einen sprachlos werden lässt. Das Ausmaß ist nicht fassbar, die Brutalität und Maschinerie, wie Menschen dort gelebt haben sollen. Doch besonders die zentrale Lage in der Stadt, die durch die bleibenden Zäune und Gebäude physisch spürbar bleibt, zeigt, dass eigentlich niemand wegschauen konnte und kann. Die museumspädagogische Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag fürs Gesehenwerden: Baracke ist nicht gleich Baracke, hier lebten, weinten, arbeiteten Individuen, dort wurden Kinder geboren, dahinter über das Schicksal einzelner Menschenleben entscheiden. Das alles muss ins Gespräch gebracht werden. Die Pädagoginnen schaffen hier eine herausragende Arbeit zwischen Erinnern und einem Appell ans heute. In künstlerischer Weise greift auch das Museum Gerhard Richter diese Gleichzeitigkeit auf: Mit dem Blick auf die Werke, die fast schön anmuten, erinnern die Spiegel und das barackenartige Gebäude an Ort und Verantwortung der jetzt dort lebendig stehenden Menschen. Hier konnten wir erstmals ins Gespräch kommen, was die Präsenz der Lager so nicht zugelassen hat.

Die Gedenkstätte Auschwitz schafft es wie wenig andere den Blick so konsequent auf die Opfer zu richten, ohne dabei die Taten, das System und das Ausmaß zu vernachlässigen. In mir bleibt die Ambivalenz zwischen dem Erleben eines sonnigen Frühlingstags mit warmen Strahlen auf der Haut und dem Unbehagen, das seitdem beim Betreten größerer Waschräume in mir aufkommt.“

 

Cosima Spieß, Münster

„Erinnerungskultur bewegt sich in einem Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit, Gegenwart und – besonders mit dem normativen Anspruch ‚nie wieder‘ – Zukunft. Sie ist abhängig von der Verwendung von Begriffen und Sprache, die sich ebenfalls in diesem Spannungsfeld bewegen. Diese Sprache wird gerade noch von Zeitzeug:innen, die in ein paar Jahren nicht mehr selbst sprechen können und schon jetzt immer weniger werden, betätigt. Aber auch materielle Dinge zeugen von Vergangenem. Dieses Materielle wird die Zeitzeug:innen überdauern, ist jedoch der Gefahr ausgesetzt, das Menschliche nicht oder unzureichend zu erzählen.

Besonders im Kontext der Shoah und des Holocaust ist Erinnerungskultur außerdem der Spannung zwischen Individuum und Masse ausgesetzt: Wie kann die Massenvernichtung unter der Erinnerung und Wahrung der Würde jedes einzelnen durch die Shoah getöteten Menschen dargestellt werden?

Konkret hat mir das der Anblick der Schuhe, der Koffer, der Musikinstrumente, der Haare und der in der Kinderbaracke hinterlassenen Zeichnungen von durch den Holocaust und die Shoah getöteten Menschen gezeigt, die in Auschwitz I und II zu sehen sind: Sie erzählen massenhaft die Geschichte von Einzelnen.“

 

Benedikt Körner, Paderborn

„Was habe ich über Erinnerungskultur gelernt? Auch wenn eine Fahrt nach Auschwitz sicherlich die beste Möglichkeit ist, eine gelungene Erinnerungskultur zu etablieren, gibt es hier vor Ort auch genügend solcher Orte. Vielleicht müssten auch die kleineren Gedenkorte bekannter gemacht werden.

Welche Fragen nehme ich mit? Wie gelingt effektive Erinnerungskultur in einer Zeit von multiplen Krisen und in einer Zeit, in der die Bevölkerung, vielleicht insbesondere jüngere Generationen müde geworden sind und nicht mehr den Sinn sehen, den schrecklichen Verbrechen und den Opfern zu gedenken?

Was haben ich reflektiert? Was kann ich selbst tun, um eine aktive Erinnerungskultur zu leben.“

Gedenken der Exkursions-Gruppe in Auschwitz-Birkenau

Die Exkursionsgruppe erinnerte am Mahnmal in Auschwitz-Birkenau mit folgenden Worten an die Opfer des Nationalsozialismus und gedachte insbesondere der Menschen aus Münster und Paderborn, die deportiert und ermordet wurden:

„Wir stehen heute hier in Auschwitz‑Birkenau, an einem Ort, an dem die Grenzen des Vorstellbaren überschritten wurden. Hier wurde millionenfach geplant, organisiert und vollzogen, was wir mit einem Wort zu fassen versuchen: Vernichtung. An diesem Ort verdichten sich Schuld, Leid und Verlust zu einer bedrückenden Gegenwart, die bis heute nachwirkt.

Wir sind aus Münster und Paderborn hierhergekommen. Unsere Städte, die Universität, die Fakultät, unsere Straßen sind mit diesem Ort verbunden. Menschen, die in Münster und Paderborn lebten, arbeiteten, studierten, Kinder, die dort spielten, wurden von dort hierher deportiert. Ihre Wege führten von Adressen, die wir kennen – Hüfferstraße, Stubengasse, Hammer Straße, Überwasserstraße, Brinkstraße, Friedrich‑Ebert‑Straße, Leostraße – über Züge und Lager bis zur Rampe von Auschwitz‑Birkenau.

Wir erinnern heute an sie. An Jüdinnen und Juden aus Münster und Paderborn, deren Häuser enteignet, deren Geschäfte zerstört, deren Leben entrechtet und schließlich ausgelöscht wurden. Wir erinnern an Sinti und Roma aus Münster, die als „fremdrassig“ und „gemeinschaftsfremd“ stigmatisiert, erfasst, festgesetzt, deportiert und hier ermordet wurden.

Wir nennen ihre Namen und ihre letzten freiwillig gewählten Adressen in Münster – 23 Menschen, für die Stolpersteine verlegt wurden:

  • Julitta Krause, Hüfferstraße 8.
  • Adolf Herz, Stubengasse 4 (heute 21).
  • Anna Lübke, geborene Steinbach, Ribbergasse 18, heute Überwasserstraße 34.
  • Franz Lübke, Ribbergasse 18 / Überwasserstraße 34.
  • Karola Lübke, Ribbergasse 18 / Überwasserstraße 34, später Wasserstraße 9.
  • Karl‑Heinz Lübke, Ribbergasse 18 / Überwasserstraße 34.
  • Theresia Lübke, Ribbergasse 18 / Überwasserstraße 34.

Wir erinnern an die große Familie Wagner, deren Stolpersteine an der Jüdefelder Straße 10 an ihr Leben in der Brinkstraße 6–7 erinnern:

  • Julius Wagner und Hulda Wagner, geborene Steinbach, Brinkstraße 6–7.
  • Ihre Kinder Alfred, Bruno, Elise, Friedrich, Herbert, Johann und Eddy Wagner, Brinkstraße 6–7.
  • Ludwig Wagner und Auguste Wagner, geborene Laubinger, mit ihren Kindern – darunter Siegfried Wagner –, ebenfalls Brinkstraße 6–7.
  • Mathilde Wagner, geborene Herzberg, die Großmutter, Brinkstraße 6–7.

Wir nennen auch:

  • Lilly Löwenberg, Hammer Straße 47.
  • Erich (Louis) Sostheim, Industriestraße 38, heute Friedrich‑Ebert‑Straße 46.

In Paderborn sind zwei jüdische Kinder aus dem Waisenhaus:

  • Rose Elise Dreyer, Leostraße 1
  • Ella Feldmeier, Leostraße 1

Ihre Namen liegen heute als Messingtafeln im Pflaster Münsters und Paderborns. Hier, in Auschwitz‑Birkenau, erinnern wir uns daran, dass ihre Wege von genau diesen Adressen aus teils über andere Lager schließlich auch hierherführten.

Unter den Opfern war auch ein Angehöriger unserer Universität in Münster: Hermann Freund. Er wurde 1882 in Breslau geboren und war Arzt und Pharmakologe. 1924 wurde er ordentlicher Professor für Pharmakologie an der Westfälischen Wilhelms‑Universität Münster und erster Direktor des dortigen Instituts. Er war ein angesehener Wissenschaftler, engagiert in Forschung und Lehre, verbunden mit seinen Studierenden und Kolleginnen und Kollegen.

Schon 1927 sagte Hermann Freund eine kommende Judenverfolgung voraus – eine düstere Prognose, die sich an seinem eigenen Leben erfüllte. Schritt für Schritt wurde er aus seinem Beruf und aus der Gesellschaft gedrängt: Sonderabgaben wie die sogenannte Judensteuer, Beurlaubungen, die Versetzung in den Ruhestand, schließlich Publikationsverbot und der Entzug seiner materiellen Existenz. 1941 erklärte ihn die Gestapo zum „Volks- und Staatsfeind“, setzte sein Ruhegehalt aus und beschlagnahmte sein Vermögen. 1942 wurde er verhaftet, in das Durchgangslager Westerbork gebracht, 1944 nach Theresienstadt und schließlich hierher nach Auschwitz deportiert. Am 14. Oktober 1944 wurde er unmittelbar nach seiner Ankunft ermordet.

Wenn wir heute seinen Namen nennen, stellen wir ihn neben die vielen anderen Namen, die zu selten gesprochen werden. Hermann Freund – ein Professor unserer Universität, ein Lehrer von Studierenden – wurde hier zum Nummernlosen, dessen Leben binnen Stunden ausgelöscht wurde. Zwischen einem akademischen Lebenslauf mit Titeln, Daten und Erfolgen und der nackten Angabe „ermordet in Auschwitz“ klafft eine Leerstelle, die sich nicht schließen lässt.

Wir erinnern heute nicht nur, was ihnen angetan wurde, sondern fragen auch, wer wegsah, wer schwieg und wer profitierte – auch in Münster, auch an unserer Universität. Gebäude wechselten die Eigentümer, Stellen wurden frei, Karrierewege öffneten sich, weil andere verschwanden.

Hier in Auschwitz‑Birkenau, zwischen den Gleisen und den Gaskammern, Baracken und Stacheldraht, wollen wir einen Moment innehalten. Wir denken an die Menschen aus Münster und Paderborn, für die Stolpersteine verlegt wurden, und an Hermann Freund als Vertreter der verfolgten Angehörigen unserer Universität. Wir denken an die Kinder, deren Leben kaum begonnen hatte, an die Alten, die nicht mehr fliehen konnten, an die Familien, die auseinandergerissen wurden. Und wir denken an die Leerstelle, die ihr Fehlen in unserer Stadt und an unserer Universität hinterlässt – bis heute.

Wir denken an die 1,3 Millionen Menschen, die hier ermordet worden sind.

Ich lade nun zu einem Moment stillen Gedenkens ein.“


Quellen:

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