Die Exkursionsgruppe erinnerte am Mahnmal in Auschwitz-Birkenau mit folgenden Worten an die Opfer des Nationalsozialismus und gedachte insbesondere der Menschen aus Münster und Paderborn, die deportiert und ermordet wurden:
„Wir stehen heute hier in Auschwitz‑Birkenau, an einem Ort, an dem die Grenzen des Vorstellbaren überschritten wurden. Hier wurde millionenfach geplant, organisiert und vollzogen, was wir mit einem Wort zu fassen versuchen: Vernichtung. An diesem Ort verdichten sich Schuld, Leid und Verlust zu einer bedrückenden Gegenwart, die bis heute nachwirkt.
Wir sind aus Münster und Paderborn hierhergekommen. Unsere Städte, die Universität, die Fakultät, unsere Straßen sind mit diesem Ort verbunden. Menschen, die in Münster und Paderborn lebten, arbeiteten, studierten, Kinder, die dort spielten, wurden von dort hierher deportiert. Ihre Wege führten von Adressen, die wir kennen – Hüfferstraße, Stubengasse, Hammer Straße, Überwasserstraße, Brinkstraße, Friedrich‑Ebert‑Straße, Leostraße – über Züge und Lager bis zur Rampe von Auschwitz‑Birkenau.
Wir erinnern heute an sie. An Jüdinnen und Juden aus Münster und Paderborn, deren Häuser enteignet, deren Geschäfte zerstört, deren Leben entrechtet und schließlich ausgelöscht wurden. Wir erinnern an Sinti und Roma aus Münster, die als „fremdrassig“ und „gemeinschaftsfremd“ stigmatisiert, erfasst, festgesetzt, deportiert und hier ermordet wurden.
Wir nennen ihre Namen und ihre letzten freiwillig gewählten Adressen in Münster – 23 Menschen, für die Stolpersteine verlegt wurden:
- Julitta Krause, Hüfferstraße 8.
- Adolf Herz, Stubengasse 4 (heute 21).
- Anna Lübke, geborene Steinbach, Ribbergasse 18, heute Überwasserstraße 34.
- Franz Lübke, Ribbergasse 18 / Überwasserstraße 34.
- Karola Lübke, Ribbergasse 18 / Überwasserstraße 34, später Wasserstraße 9.
- Karl‑Heinz Lübke, Ribbergasse 18 / Überwasserstraße 34.
- Theresia Lübke, Ribbergasse 18 / Überwasserstraße 34.
Wir erinnern an die große Familie Wagner, deren Stolpersteine an der Jüdefelder Straße 10 an ihr Leben in der Brinkstraße 6–7 erinnern:
- Julius Wagner und Hulda Wagner, geborene Steinbach, Brinkstraße 6–7.
- Ihre Kinder Alfred, Bruno, Elise, Friedrich, Herbert, Johann und Eddy Wagner, Brinkstraße 6–7.
- Ludwig Wagner und Auguste Wagner, geborene Laubinger, mit ihren Kindern – darunter Siegfried Wagner –, ebenfalls Brinkstraße 6–7.
- Mathilde Wagner, geborene Herzberg, die Großmutter, Brinkstraße 6–7.
Wir nennen auch:
- Lilly Löwenberg, Hammer Straße 47.
- Erich (Louis) Sostheim, Industriestraße 38, heute Friedrich‑Ebert‑Straße 46.
In Paderborn sind zwei jüdische Kinder aus dem Waisenhaus:
- Rose Elise Dreyer, Leostraße 1
- Ella Feldmeier, Leostraße 1
Ihre Namen liegen heute als Messingtafeln im Pflaster Münsters und Paderborns. Hier, in Auschwitz‑Birkenau, erinnern wir uns daran, dass ihre Wege von genau diesen Adressen aus teils über andere Lager schließlich auch hierherführten.
Unter den Opfern war auch ein Angehöriger unserer Universität in Münster: Hermann Freund. Er wurde 1882 in Breslau geboren und war Arzt und Pharmakologe. 1924 wurde er ordentlicher Professor für Pharmakologie an der Westfälischen Wilhelms‑Universität Münster und erster Direktor des dortigen Instituts. Er war ein angesehener Wissenschaftler, engagiert in Forschung und Lehre, verbunden mit seinen Studierenden und Kolleginnen und Kollegen.
Schon 1927 sagte Hermann Freund eine kommende Judenverfolgung voraus – eine düstere Prognose, die sich an seinem eigenen Leben erfüllte. Schritt für Schritt wurde er aus seinem Beruf und aus der Gesellschaft gedrängt: Sonderabgaben wie die sogenannte Judensteuer, Beurlaubungen, die Versetzung in den Ruhestand, schließlich Publikationsverbot und der Entzug seiner materiellen Existenz. 1941 erklärte ihn die Gestapo zum „Volks- und Staatsfeind“, setzte sein Ruhegehalt aus und beschlagnahmte sein Vermögen. 1942 wurde er verhaftet, in das Durchgangslager Westerbork gebracht, 1944 nach Theresienstadt und schließlich hierher nach Auschwitz deportiert. Am 14. Oktober 1944 wurde er unmittelbar nach seiner Ankunft ermordet.
Wenn wir heute seinen Namen nennen, stellen wir ihn neben die vielen anderen Namen, die zu selten gesprochen werden. Hermann Freund – ein Professor unserer Universität, ein Lehrer von Studierenden – wurde hier zum Nummernlosen, dessen Leben binnen Stunden ausgelöscht wurde. Zwischen einem akademischen Lebenslauf mit Titeln, Daten und Erfolgen und der nackten Angabe „ermordet in Auschwitz“ klafft eine Leerstelle, die sich nicht schließen lässt.
Wir erinnern heute nicht nur, was ihnen angetan wurde, sondern fragen auch, wer wegsah, wer schwieg und wer profitierte – auch in Münster, auch an unserer Universität. Gebäude wechselten die Eigentümer, Stellen wurden frei, Karrierewege öffneten sich, weil andere verschwanden.
Hier in Auschwitz‑Birkenau, zwischen den Gleisen und den Gaskammern, Baracken und Stacheldraht, wollen wir einen Moment innehalten. Wir denken an die Menschen aus Münster und Paderborn, für die Stolpersteine verlegt wurden, und an Hermann Freund als Vertreter der verfolgten Angehörigen unserer Universität. Wir denken an die Kinder, deren Leben kaum begonnen hatte, an die Alten, die nicht mehr fliehen konnten, an die Familien, die auseinandergerissen wurden. Und wir denken an die Leerstelle, die ihr Fehlen in unserer Stadt und an unserer Universität hinterlässt – bis heute.
Wir denken an die 1,3 Millionen Menschen, die hier ermordet worden sind.
Ich lade nun zu einem Moment stillen Gedenkens ein.“
Quellen: