Im Rahmen der gleichnamigen Themenwoche der AG „ZeKK and the arts“ in Paderborn vom 17. bis 22. November 2025 kamen Wissenschaftler*innen verschiedenster Disziplinen (Theologien, Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte) zusammen, um interdisziplinär und öffentlich das Thema mit Blick auf die Literatur, die bildende Kunst und die Musik diskutieren und die in den verschiedensten vorangegangenen Formaten aufgespannten Fäden zusammenführen. Die Themenwoche wurde von Prof. Dr. Rita Burrichter, Prof. Dr. Dominik Höink und Prof. Dr. Lothar van Laak (alle UPB bzw. HfM Detmold) und Prof. Dr. Stephan Wahle von unserer Fakultät organisiert.
Die Vermessungen des Problemfeldes
Zur Einführung in die Thematik fragte Jochen Schmidt (JGU Mainz) in seinem Vortrag an, ob dramatische apokalyptische Metaphern geeignet und statthaft sind in der ethischen Auseinandersetzung um Handlungsorientierung in der Klimakrise. Jonas Hagedorn (ThF Paderborn) stellte sozialethische Modelle von solidarisch und generationell gerecht gedachten Bewältigungsstrategien der Folgen des Klimawandels vor.
Die ritualtheoretische Perspektive
Den Vermessungen des Problemfeldes folgten ritualtheoretisch orientierte Beispiele religiöser Bewältigungspraxis aus dem christlichen Kontext durch Stephan Wahle (ThF Paderborn) und aus der im Himalaya beheimateten Bön-Religion durch Christiane Strothmann (Folkwang UdK Essen). Höchst anregend erschien hier vielen Anwesenden vermeintlich Vertrautes aus dem christlichen Requiem auf einmal fremd und Fremdes aus dem Himalaya überraschend anschlussfähig durch die anregend erläuternde Präsentation musikalischer Beispiele.
Die literarische Perspektive
Literarische Beispiele wurden theologisch durch Katrin König (UPB Paderborn) und literaturtheoretisch durch Lothar van Laak, Ludmilla Gerlitz, Natalie Hansen, alle UPB Paderborn) eingeordnet und erwiesen sich gleichermaßen als Herausforderung wie als Bereicherung in der interdisziplinären Klärung und Auseinandersetzung um Verständnis und Reichweite der Begriffe „Schöpfung“, „Natur“ und „Umwelt“.
Der Blick der bildenden Kunst
Die bildende Kunst wurde kunsthistorisch von Ulrike Heinrichs (UPB Paderborn) mit Blick auf menschlich-geschöpfliche Tätigkeiten in spätmittelalterlicher Wandmalerei vorgestellt. Ganz aktuelle Beispiele dezidiert nachhaltiger islamischer Architektur hingegen wurden von Tuba Isik (HU Berlin) eingebracht. Dass Werke der bildenden Kunst durch bildlichen Eigen-Sinn geläufige Vorstellungen des Schöpfungshandelns Gottes in Unterrichtsprozessen produktiv stören können, zeigte Rita Burrichter (UPB Paderborn). Claudia Gärtner (TU Dortmund) stellte die komplexen Herausforderungen der Chancen ästhetischen Lernens im Kontext der schulpolitisch aktuell nachdrücklich geforderten Bildung für nachhaltige Entwicklung mit Blick auf Ergebnisse der Lehr-Lernforschung vor.
Die Perspektive der Musik(theorie)
Einblicke in religiöse und kulturelle Umgangsformen mit Musik und musikalische Werke und Produktionen als Beiträge zur klimapolitischen Diskussion prägten den letzten Tag der Tagung. Die jüdische Mimouna-Tradition wurde von Yael Attia (UPB Paderborn) vorgestellt als geradezu interkulturelles Scharnier in Israel und spezifischer Beitrag der jüdischen Community mit orientalischen Wurzeln. Den Umgang mit Musik als poetisch-ästhetischer Bestandteil der mystisch-spirituellen Ausrichtung des islamischen Sufismus bracht Raid Al-Daghistani den Zuhörerinnen und Zuhörern nahe.
Den kommunikativ motivierten Rückgriff auf religiöse Motive im Horizont aktueller Musikproduktionen konnten Sara Beimdieke (Universität Siegen) und Julian Caskel (Folkwang UdK) anschaulich belegen. Ihre kritische Auseinandersetzung mit dem „Ablasshandel“ der Musikindustrie in Gestalt klimabezogener Auftragsarbeiten und deren emotional aufgeladene Aufführungspraxis führte nicht zuletzt zur angeregten Diskussion um Kitsch im Kontext von Kultur. Jonas Spieker stellte Environmental Sound Art am Beispiel der Arbeit von David Monacchi vor und präsentierte damit klangkünstlerische Praktiken der räumlichen und zeitlichen simultanen Überlagerung als Möglichkeit, den Verlust von aussterbenden Arten in der Spannung von Vergangenheit und Gegenwart überhaupt wahrzunehmen.
Luise Adler (HfM Detmold / UPB Paderborn) analysierte unterschiedliche Akzentuierungen in Aufführungen deutschsprachiger Opern des 21. Jahrhunderts, die sich als musikdramaturgische säkulare Auseinandersetzungen mit der Klimakatastrophe verstehen und konnte damit das breite Spektrum differenter Deutungszugänge in unterschiedlichen Inszenierungen aufzeigen. Mit (persönlich gewendeter) Rezeption beschäftigte sich auch der Beitrag von Harald Schroeter-Wittke (UPB Paderborn), der nach länger zurückliegender wissenschaftlicher Beschäftigung mit Mendelssohns „Elias“ das Oratorium nunmehr als Kommentar des Anthropozäns hört. Den Tagungsabschluss bot Dominik Höink (HfM Detmold / UPB Paderborn) mit einem Durchgang durch Schöpfungsoratorien im 21. Jahrhundert, der auch die säkularen Transformationen genuin religiöser und theologischer Zugänge aufzeigte.
Rahmenprogramm für die Öffentlichkeit
Das reiche Tagungsprogramm bot Gelegenheiten zu interdisziplinärer Diskussion nach den Vorträgen und in den Pausen, die reichlich genutzt wurden. Das kulturelle Rahmenprogramm der Themenwoche zog Publikum aus Stadtgesellschaft und Universitätscommunity an. Bernhard König diskutierte im Rahmen eines Workshops „Musik, Religion und Kultur in zeiten des Klimawandels“, das Programmkino Lichtblick im Pollux Kino Paderborn zeigte die Filme „The Mission“ und „La memoria de las mariposas“ und Iyad Shraim führte in die Kunst der arabischen Kalligraphie ein. Außerdem wurden multireligiöse Reflexionen mit Musik und Gebet angeboten und im Diözesanmuseum Paderborn führten die Kuratorin Dr. Christiane Ruhmann und Prof. Dr. Lothar van Laak durch die Ausstellungsorte als Orte gesellschaftlichen Diskurses. Die Künstler Hermann Josef Hack und Andreas Pohlmann verwandelten mit der RoadMapFuture den Mittelgang der barocken Universitäts- und Marktkirche in eine Bilderstraße aus Malereien und Texttafeln der beiden Künstler auf Zeltplane, die in die Wege der Stadt weiter ausstrahlen soll. Ergänzt werden die Kunstwerke durch Arbeiten von Studierenden, die zuvor in einem Workshop zum Thema Zukunft mit den Künstlern in den Kellergewölben der Universitäts- und Marktkirche entstanden sind.