Prof. Dr. Rüdiger Althaus, Lehrstuhlinhaber für Kirchenrecht an der Theologischen Fakultät Paderborn, will mit dem Studientag den Horizont für das Thema erweitern:
In den letzten Jahren hat sich zunehmend gezeigt, dass gerade im städtischen Bereich Kirchen vorhanden sind, die zu groß oder stark sanierungsbedürftig sind. Es kommen dort auch nur noch sehr wenige Gläubige zu den Gottesdiensten zusammen, sodass sich aus pastoraler und wirtschaftlicher Sicht die Frage stellt, wie wir mit diesen Kirchengebäuden in Zukunft umgehen wollen. Natürlich hat so eine „Kirche im Dorf“ sowohl im ländlichen wie städtischen Ambiente eine Identifikationskraft. Aber man muss trotzdem über die weitere Nutzung der Kirchengebäude nachdenken.
Wir veranstalten diesen Studientag, um bei den Personen, die damit befasst sind, den Horizont zu weiten und Möglichkeiten vorzustellen. Zielgruppe sind all diejenigen, die in den Gemeinden diesbezüglich Verantwortung tragen, also das pastorale Personal ebenso wie die Pfarrgemeinderäte, die Räte der Pfarreien und die Kirchenvorstandsmitglieder. Jede und jeder, der in diese Entscheidungen eingebunden ist.
Chancen und Grenzen einer würdigen Nachnutzung zeigen
Wir wollen mit den Teilnehmenden klären, was ein Kirchengebäude eigentlich ist. Hier unterscheiden sich schon die katholischen und evangelischen Sichtweisen. Ist eine Kirche ein Gebäude wie jedes andere? Oder doch etwas anderes? Was kann man damit machen? Und welche Rolle spielt der Denkmalschutz? Im Zusammenwirken mit der Bauabteilung des Generalvikariates werden den Teilnehmenden des Studientages sinnvolle, aber auch weniger sinnvolle Umnutzungen von Kirchen vorgestellt. In den Niederlanden werden Kirchen als Bibliothek oder Restaurant genutzt, im Rheinland als Kletterhalle. Wir wollen die Chancen, aber auch die Grenzen einer würdigen Nachnutzung zeigen und diskutieren. Es geht ja nicht in allererster Linie darum, ein Gebäude abzureißen, sondern zu versuchen, eine sinnvolle Nachnutzung sicherzustellen.
Daniel Schröter, Architekt und Leiter der Abteilung Kirchengemeindliche Immobilien im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn, sieht den Studientag als wichtigen Beitrag: „Ich glaube, das ist von absoluter Relevanz. Nicht nur für Kirchenvorstände und Pfarrgemeinderäte, sondern insgesamt für uns alle in der katholischen Kirche und darüber hinaus.“
Der kirchliche Gebäudebestand nimmt ab, die Anforderungen an Kirchenimmobilien steigen. Doch für Daniel Schröter geht es um mehr als um die reine Verwaltung: „Es ist ein emotionales Thema, aber die Lösungen sind häufig noch unklar. Wir müssen diese Probleme gemeinsam angehen.“
Hybridnutzung von Kirchen als zukunftsfähiges Modell
Ein konkreter Lösungsansatz ist die sogenannte Hybridnutzung von Kirchenräumen. Dabei bleiben Kirchen weiterhin liturgisch nutzbar, werden aber zusätzlich für andere gesellschaftliche Zwecke geöffnet, etwa als Kulturorte, Nachbarschaftstreffs oder Bildungseinrichtungen. „Wie kann ich eine Kirche nicht nur als Sakralraum, sondern auch anders nutzen?“, fragt Schröter. „So können wir Gebäude langfristig erhalten und mit Leben füllen.“ Erste Pilotprojekte zeigen, dass Kirchen auch Kultur-, Bildungs- oder Begegnungsorte sein können, ohne ihren Charakter zu verlieren.
Das Erzbistum Paderborn arbeitet im Rahmen seiner Immobilienstrategie aktiv an solchen Konzepten und bietet den Kirchengemeinden Beratung und Unterstützung. Daniel Schröter betont dabei die Notwendigkeit eines interdisziplinären Zugangs. Die Theologische Fakultät biete gerade jetzt dafür einen passenden Ort: „Sie versucht einen sehr breiten Blick auf das Thema zu setzen. Das finde ich richtig und angemessen.“ Denn die Problematik verlangt nach mehr als reinen Bau- oder Finanzlösungen. Es geht um juristische, psychologische, gesellschaftliche und denkmalpflegerische Fragen. Um Trauer und Verantwortung. Und darum, Zukunftsaussichten zu entwerfen, die Gemeinden nicht überfordern, sondern mitnehmen.
Kirche und Gesellschaft: Dialog über kirchliche Immobiliennutzung beginnt gerade erst
Die Veränderung betrifft nicht nur das Innere der Kirche, sondern auch die Beziehung nach außen. Schröter wünscht sich einen intensiveren Austausch zwischen kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren: „Hier müssen Kirche und Gesellschaft miteinander in den Dialog kommen und das ist momentan noch in den Anfängen.“