Kirchengeschichte als Erzählung?

Fachtagung zur Bedeutung von Narrativität für die Historische Theologie

In der Geschichtswissenschaft wurden nach dem „linguistic turn“ verschiedene Theorien über die Funktion des Narrativen für die historische Methodik diskutiert. Während Anhänger strukturalistischer Schulen das Erzählerische eher als ein zu überwindendes Rudiment der älteren Historiographie ansahen, wiesen Autoren wie Arthur C. Danto, Hayden White und Paul Ricoeur mit ganz unterschiedlichen Schlussfolgerungen auf den enormen Stellenwert von Narrativen und Narrativität in der Repräsentation von Geschichte hin. In der Theologie spielen erzähltheoretische Ansätze in verschiedenen Teildisziplinen zwar eine gewisse, aber bis heute eher nachgeordnete Rolle. Gerade die Kirchengeschichte war bislang eher zögerlich, Vorstellungen und Theorien zu adaptieren, die den narrativen Charakter ihrer Arbeit thematisieren. Neuere theologische und religionsphilosophische Beiträge zeigen jedoch die Bedeutung und Anschlussfähigkeit einer narrativen Deutung der christlichen Historiographie und Geschichtstheologie.

Die Fachtagung Kirchengeschichte als Erzählung? Zur Bedeutung von Narrativität für die Historische Theologie geht den narrativen Grundlagen der Theologie auf der einen und der Geschichte auf der anderen Seite nach, um insbesondere im Blick auf Theorie und Arbeitsweisen der Kirchengeschichte zu fragen: Welche Voraussetzungen bestimmen bereits vom christlichen Glauben her die Art und Weise, wie Theologen die Geschichte der Kirche erzählen? Welche Ansätze bietet die Systematische Theologie, um mit den Problemen der Referenzialität von Erzählung und Vergangenheit umzugehen? Wie lässt sich das Verhältnis von Wahrheit und Fiktionalität in der narrativen Theologie denken? Und was die praktischen Konsequenzen für die Historische Theologie angeht: Welche Bedeutung hat das Konzept der Narrativität als hermeneutisches Werkzeug? Was ergibt sich daraus, gerade im Verhältnis zur allgemeinen Geschichtswissenschaft, für das Selbstverständnis der Kirchengeschichte als genuin theologisches Fach? Wie können Erzählungen redlich und verantwortungsvoll auch zur Gestaltung und Vermittlung der kirchlichen Erinnerungskultur eingesetzt werden?

Programm

Freitag, 26. Juni 2026

14.00  Stehkaffee

14.30  Begrüßung und Einleitung


Narrativität in der Systematischen Theologie

15.00  Bernhard Holl/Bernd Irlenborn (Paderborn)
Narrativität in der Theologie: eine Einführung

 

15.30  Florian Klug (Marburg)
Die Kirche als Erzählgemeinschaft. Zur heilsgeschichtlichen Narration des Volkes Gottes

 

16.00  Diskussion

16.30  Pause


Verstehen, Deuten, Erklären: Zur Funktion von Narrativen

17.00  Johannes Grössl (Paderborn)
Wahrheit und/oder Fiktion: Was leisten Narrative zur Erschließung von Offenbarung?

 

17.30  Nicholas Beckmann (Heidelberg)
Erzählen aus Sicht der Geschichtswissenschaft

 

18.00  Diskussion

18.30  Abendessen


20.00  Abendvortrag
Hubert Wolf (Münster)
Fakten statt Fiktionen. Zur Aufgabe historischen Erzählens in der Kirchengeschichte

Samstag, 27. Juni 2026


Narrativität in der Kirchengeschichte

9.00  Thea B. Sumalvico (Halle)
Wie Lutheraner ihre Geschichte erzählen. Kirchengeschichte als konfessionelle Selbstvergewisserung in den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts

 

9.30  Bernhard Holl (Berlin)
Erzähltheorien und ihre Kritik in der Geschichtswissenschaft und Historischen Theologie

 

10.00  Diskussion

10.30  Pause


Erinnerung – Tradition – Identität

11.00  Katharina Pultar (Mainz)
Altkirchliche Historiographie als Krisenerzählung

 

11.30  Dorothee Schenk (Göttingen)
Wir, ihr, sie und die Christologie. Narrative Identitätskonstruktionen im Nachgang von Chalcedon

 

12.00  Diskussion

 

12.30  Schlusswort und Ausblick

13.00  Mittagsimbiss / Abreise