Wer nach der (In-)Humanität von Religion fragt, richtet diese Frage meist an einen bestimmten Typus von Religion, wie er von Christentum, talmudischem Judentum und Islam repräsentiert wird. Diese Religionen verbindet, dass ihre formative Phase in die Spätantike fällt – eine Zeit, die man auch als ‚religiöse Achsenzeit‘ bezeichnet hat. In dieser Zeit entstehen Merkmale des Religiösen, die bedeutende religiöse Systeme bis heute kennzeichnen. Der Blick in ihre Frühgeschichte offenbart jedoch auch die grundlegende Ambivalenz dieser Merkmale ‚moderner‘ Religion, ihre humanisierende wie destruktive Kraft, die oft untrennbar miteinander verbunden scheinen. Das wirft die Frage auf: Wann ist Religion schädlich? Und wie muss sie sein, damit sie hilft?
Prof. Dr. Andreas Merkt ist seit 2004 Professor für Alte Kirchengeschichte und Patrologie an der Universität Regensburg. Seine Forschungen zur Spätantike kulminieren in seiner Religionsgeschichte „Die religiöse Verwandlung der Welt. Die Anfänge ‚moderner‘ Religion in der Spätantike“, erschienen bei Herder.