Mit dem Tod von Jürgen Habermas verliert Deutschland einen seiner bedeutendsten Philosophen und einen der einflussreichsten öffentlichen Intellektuellen der Gegenwart. Über mehr als sechs Jahrzehnte hinweg hat Habermas die philosophischen, politischen und gesellschaftlichen Debatten der Bundesrepublik geprägt – mit einer intellektuellen Autorität, die weit über die akademische Philosophie hinausreichte. Mich hatte sein Denken zu Beginn meines Philosophiestudiums fasziniert, obwohl ich wenig verstand. Anfang der 1990er Jahre studierte ich ein Semester in Frankfurt am Main, wo er noch lehrte. Ich besuchte alle seine Lehrveranstaltungen und nahm aktiv an einem Seminar über die Intersubjektivitäts-Debatte zwischen ihm und Dieter Henrich teil. Ich erinnere mich noch an mein sicherlich schlechtes Referat über die Theorie des Selbstbewusstseins von Manfred Frank, bei dem ich eingeschüchtert zwischen ihm und seinem Assistenten Lutz Wingert saß und mein Manuskript vor dem großen Auditorium vortrug. In allen Lehrveranstaltungen war der Unterschied zwischen Philosoph und Philosophieprofessor deutlich greifbar: Habermas’ Vermögen, komplexe philosophische Problemstellungen zu rekonstruieren, und seine druckreife philosophische Ausdruckskraft im gesprochenen Wort, die sich durch eine außerordentliche Differenziertheit und Nuancierung auszeichnete, waren beeindruckend.
In der weiteren Beschäftigung mit seinem Werk haben mich besonders seine religionsphilosophischen Überlegungen interessiert. Sein monumentales Spätwerk Auch eine Geschichte der Philosophie im Schnittfeld von Philosophie und Theologie gehört für mich zu den spannendsten und anregenden philosophischen Büchern der Moderne. In diesem Werk entwirft Habermas eine groß angelegte Genealogie des philosophischen Denkens. Sein Anliegen besteht darin zu zeigen, dass sich die moderne, nachmetaphysische Vernunft historisch aus einer langen Wechselwirkung zwischen religiösem Glauben und philosophischer Reflexion herausgebildet hat. Besonders beeindruckt mich die Schlusspassage des Buches: „Die säkulare Moderne hat sich aus guten Gründen vom Transzendenten abgewendet, aber die Vernunft würde mit dem Verschwinden jeden Gedankens, der das in der Welt Seiende im Ganzen transzendiert, selber verkümmern. Die Abwehr dieser Entropie ist ein Punkt der Berührung des nachmetaphysischen Denkens mit dem religiösen Bewusstsein, solange sich dieses in der liturgischen Praxis einer Gemeinde von Gläubigen verkörpert und damit als eine gegenwärtige Gestalt des Geistes verkörpert. Der Ritus beansprucht, die Verbindung mit einer aus der Transzendenz in die Welt einbrechenden Macht herzustellen. Solange sich die religiöse Erfahrung noch auf diese Praxis der Vergegenwärtigung einer starken Transzendenz stützen kann, bleibt sie ein Pfahl im Fleisch einer Moderne, die dem Sog zu einem transzendenzlosen Dasein nachgibt – und solange hält sie auch für die säkulare Vernunft die Frage offen, ob es unabgegoltene semantische Gehalte gibt, die noch einer Übersetzung ‚ins Profane‘ harren.“
Die Faszination für dieses Buch hat mich 2022 dazu angeregt, ein Themenheft in Theologie und Glaube zu organisieren, in dem Kolleginnen und Kollegen verschiedene Aspekte und Thesen dieses großen Werkes kritisch untersuchen. Nachdem ich Habermas dieses Themenheft zugesandt habe, erhielt ich eine Rückmeldung von ihm in einem Brief vom 27. Mai 2022. Darin heißt es: „Das lehrreiche Heft, das Sie meinem letzten Buch gewidmet haben, habe ich natürlich von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen – auch Ihre sehr verständnisvolle Einleitung habe ich mit großem Gewinn gelesen. [¼] Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie auf diese Weise das für mich seit langem sehr fruchtbare Gespräch mit den theologischen Kollegen fortgesetzt haben.“ Auch wenn diese Zeilen wohl primär der Höflichkeit geschuldet sind, habe ich mich sehr darüber gefreut.
Habermas war ein sensibler Spurensucher und ungewöhnlicher Verbündeter der Religion in der säkularen Moderne. Als Philosoph ohne Glauben hat er die grundlegende Bedeutung religiöser Traditionen für das gefährdete Projekt der Moderne ernst genommen. Darin liegt ein Vermächtnis, das im christlichen Denken über seinen Tod hinaus weiterwirken dürfte. Aus theologischer Perspektive gilt es freilich, seiner Religionsauffassung gegenüber kritisch zu bleiben. Dennoch lässt sich sagen, dass kein namhafter nicht-religiöser Denker die Bedeutung des christlichen Glaubens für die säkulare Moderne und ihre Pathologien und Defizite so deutlich hervorgehoben hat wie Habermas. Provokativ für mich bleibt seine klare Bevorzugung der christlichen Praxis vor dem christlichen Weltbild mit seinem Netz von Überzeugungen. Glaube ist für ihn keine individuelle Privatsache isolierter Sinnsucher, die sich bloß intellektuell vom Deutungsschatz der christlichen Tradition leiten oder blenden lassen. Glaube ist zu finden in einer rituellen Gemeinschaft mit ihren an „starker Transzendenz“ orientierten liturgischen Vollzügen und Modi der Gemeinschaftsstiftung. Hier warnt Habermas die zeitgenössische Theologie noch in seinen letzten schriftlichen Äußerungen eindringlich vor einer säkularistischen Anpassung an die Moderne, um durch ein zunehmend innerweltlich ausgerichtetes Ethos populär und überlebensfähig zu bleiben: „je klarer sie sich von einer Jenseitsorientierung und dem expliziten göttlichen Erlösungsversprechen verabschiedet“, desto mehr verrät sie genau das Potenzial, das sie zum „Pfahl im Fleisch einer Moderne“ macht – wie es im Zitat oben hieß. Mit dieser Zumutung bleiben seine Überlegungen wohl auch ein „Pfahl“ im Fleisch der gegenwärtigen Theologie.