Die Vorlesung nimmt die islamische Mystik zum Ausgangspunkt einer kritischen Auseinandersetzung mit der Frage nach der (In-)Humanität der Religion – in diesem Fall des Islams. Der Sufismus erscheint dabei sowohl als Ergänzung als auch als Herausforderung einer Religiosität, die sich auf den offenbarten Text beschränkt. Als Weg moralisch-religiöser Selbstvervollkommnung (iḥsān) stellt er die Kultivierung eines vortrefflichen Charakters (ḥusn al-ḫuluq) in den Mittelpunkt, der zahlreichen Sufi-Gelehrten als Inbegriff islamischer Religiosität gilt. Der Vortrag plädiert für eine Perspektive, in der die ethischen und spirituellen Ressourcen der islamischen Mystik einen zentralen Beitrag zu einem humaneren Verständnis des Islams leisten können – und eröffnet damit Konturen eines islamischen Humanismus aus dem Geiste des Sufismus.
PD Dr. Raid Al-Daghistani ist an den Universitäten Ljubljana und Innsbruck tätig; im Wintersemester 2025/26 vertrat er die Professur für Islamische Systematische Theologie an der Universität Paderborn. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören islamische Mystik (Sufismus), islamische systematische Theologie (kalām), islamische Ethik, Anthropologie und religiöse Epistemologie.